zu SARS-CoV-2 und Covid-19

Hier kann wirklich alles besprochen werden.

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Phil
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Beitrag von Phil »


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Pok
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Beitrag von Pok »

Witzig, dass jetzt die Rechten das Thema für sich entdeckt haben. Der User Sigma hatte mir noch schlechte Absichten unterstellt, da ich die Maßnahmen kritisiere und eine Verbindung mit FFF gesehen. Tatsächlich gehört FFF zum linksgrünen Teil der Bevölkerung, der weiter ziemlich geschlossen hinter den Maßnahmen steht. Auf den "Hygienedemos" sind stattdessen immer mehr Rechte, Verschwörungstheoretiker und Neoliberale vertreten.

Lustigerweise schreitet die Polizei bei diesen eher rechten Demos verbreitet gar nicht ein und Stuttgart etwa hat sogar 10.000 Menschen (Großteil ohne Mundschutz) zugelassen. Bei meiner letzten linksgrünen Demo in Berlin waren 50 Personen (alle mit Mundschutz) zugelassen. Und die Polizei hat peinlichst genau darauf geachtet, dass das auch so bleibt. Sobald sich 50 zusammenfanden, wurden sie umringt von 1-2 Dutzend Beamten, sodass niemand mehr hinzustoßen konnte.

In Schweden scheint das Konzept dagegen aufzugehen. Da versammeln sich die Leute nicht zu Tausenden. Die Bevölkerung ist bald immun und danach kann der Alltag für die Schweden wieder beginnen. Manchmal wurde ja gesagt "Deutschland ist nicht Schweden", "kann man nicht vergleichen". Doch, kann man. Deutschland ist in weiten Teilen Schweden. In weiten Teilen Ostdeutschlands zum Beispiel. Da ist die Bevölkerungsdichte nämlich ähnlich niedrig und die Ausbreitungsgefahr ähnlich langsam wie in weiten Teilen Schwedens.

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

In Schweden geht ein Konzept auf? Die Schweden haben die Besonderheit, dass sie nicht so eng aufeinanderleben wie die New Yorker und nicht so "verknutscht" sind bei der Begrüßung wie die Franzosen, Spanier und Italiener. Sprich: denen muss man social distancing nicht verschreiben, die machen es eh schon. Ausserdem ist es ein reiches Land und ich nehme mal an, das Gesundheitswesen ist ähnlich gut aufgestellt, wie bei uns (und viel besser als in Spanien). Dennoch haben sie eine mehr als 3 x höhere bevölkerungsbezogene Sterblichkeit als wir in Deutschland (3500 Tote auf 10 Mio = 31/100.000 vs 9/100.000 bei 7500 Toten auf 82 Mio). Tatsache ist, dass das social distancing wirkt. Die Daten belegen es (Abfall des Reproduktionswertes, abrupter Rückgang aller Atemwegsinfektionen). Unwirksam sind die Massnahmen also sicher nicht.

Ich wage mal eine Prognose: ich glaube (keine Modellrechnungen, keine Daten - nur Intuition ...) dass wir im Sommer eine niedrige Infektionsrate haben werden und dass im Herbst eine zweite Welle auf uns zukommt. Ich vermute nämlich, dass das Wetter doch eine Rolle spielt - ob die Vermutung stimmt werden wir u.a. am Infektionsgeschehen auf der Südhalbkugel ablesen können, wo gerade der Winter beginnt.

Wie die Politik dann reagiert wird spannend (und die Bevölkerung). Wird man nochmal die gleichen Massnahmen verhängen? Oder wird man das abmildern? Und wenn, werden diese Massnahmen ein zweites Mal akzeptiert werden? Meine Prognose: nochmal Ausgangssperre wird es nicht geben.

Zum Thema Todesfälle: es geht erstens nicht einfach darum Todesfälle zu vermeiden, sondern vermeidbare Todesfälle zu vermeiden - nämlich solche die auftreten, wenn das Gesundheitssystem überlastet wird. Und es ist m.E. ethisch nicht vertretbar, einigen wenigen ein vermeidbares Todesfallrisiko aufzubürden, um die große Mehrheit keinen Einschränkungen (von Vesammlungsfreitsrechten etc.) zu unterwerfen.

@Pok, dass du im ÖPNV keinen Mundschutz aufsetzen willst, verstehe ich nicht. Ich würde mich da als Mitfahrer respektlos behandelt fühlen. Ich schütze dich, aber du mich nicht!?
Das mittlere Alter der Toten liegt bei über 80 Jahren in Deutschland. Und die allermeisten davon haben Vorerkrankungen. Das würde ja bedeuten, dass ein heute 80-Jähriger mit Vorerkrankungen im Durchschnitt 90 Jahre alt wird. Gibt es Statistiken zu sowas (ohne Vorerkrankung), d.h. wie alt ein heute x-Jähriger wird?
Die gibt es vom Statistischen Bundesamt. Vor rund 10 Jahren hatten 80-jährige Männer eine durchschnittliche Lebeserwartung von 7,7 Jahren, Frauen von 9,2 Jahren! Selbst 90-jährige haben noch im Durchschnitt 4 Lebensjahre vor sich.
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

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Pok
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Beitrag von Pok »

Du erklärst, warum Schweden nicht mit den Südländern vergleichbar ist. Aber warum es mit D. nicht vergleichbar ist? Wir können so viele Unterschiede konstruieren, wie wir wollen. Kein Land ist vergleichbar und man kann Unterschiede mit 1000 Erklärungen begründen. Das ist aber alles Spekulation.
lemmi hat geschrieben:Zum Thema Todesfälle: es geht erstens nicht einfach darum Todesfälle zu vermeiden, sondern vermeidbare Todesfälle zu vermeiden - nämlich solche die auftreten, wenn das Gesundheitssystem überlastet wird.
Das wird in Deutschland nie passieren. In Spanien und Italien sind schätzungsweise bis zu 15 % erkrankt innerhalb kürzester Zeit. Da gab es auch nur vereinzelt (!) solche Triage-Entscheidungen. In Deutschland mit zigfach mehr Betten pro Einwohner halte ich eine Überlastung des Gesundheitssystems für völlig ausgeschlossen.
lemmi hat geschrieben:Und es ist m.E. ethisch nicht vertretbar, einigen wenigen ein vermeidbares Todesfallrisiko aufzubürden, um die große Mehrheit keinen Einschränkungen (von Vesammlungsfreitsrechten etc.) zu unterwerfen.
Ich glaub nicht, dass du diesen Satz vor Corona auch so pauschal für sämtliche Lebenssituationen gesagt hättest. Diese Ethik passt einfach nicht zum Alltag. Sie passt nicht zum bisherigen Konsens in unserer Gesellschaft. Sie ist ein massiver Widerspruch dazu! Es ist ein Ideal, das nie einzuhalten war. Wir haben die Nichteinhaltung akzeptiert, weil wir nie offen darüber sprechen mussten. Jetzt kommt man um diese Diskussion nicht mehr herum. Deshalb ist es inakzeptabel geworden, diese Sichtweise zu missbilligen. Das heißt aber nicht, dass diese Sichtweise wirklich ethisch gut und richtig ist. Ich halte sie für falsch. Das Versammlungsrecht und alle unsere Grundrechte sind wichtiger als Menschenleben. Diese Rechte unterscheiden uns nämlich von Diktaturen. Es gibt nichts Wichtigeres als Demokratie und Rechtsstaat. Dass das aktuell angezweifelt wird, ist brandgefährlich!
lemmi hat geschrieben:@Pok, dass du im ÖPNV keinen Mundschutz aufsetzen willst, verstehe ich nicht. Ich würde mich da als Mitfahrer respektlos behandelt fühlen. Ich schütze dich, aber du mich nicht!?
Stört mich nicht, dass das als respektlos empfunden wird. Ich verlange schließlich von dir überhaupt nicht, dass du mich schützt. Hab ich eigentlich irgendwo erwähnt, dass für mich die Ausnahmeregelungen nicht gelten? Wo sind wir eigentlich angekommen, dass Asthma-Kranke und psychisch Kranke als "respektlos" wahrgenommen werden, weil sie keine Maske tragen?

Noch vor wenigen Wochen war sich die deutsche Fachwelt nahezu einig, dass Masken Schwachsinn und kontraproduktiv sind. Du selbst hast den Sinn von Masken in Frage gestellt. Nun gehorchen aber alle, wenn sie dennoch eine Maske tragen sollen. Das ist nicht verantwortungsvoll oder respektvoll, es ist blinder Gehorsam.

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Hallo, komm wieder runter!

Das Tragen von Masken an der freien Luft halte ich nach wie vor für sinnlos. Das Tragen von Masken um sich selbst zu schützen auch, das tun sie nämlich nicht). Aber es gibt ganz gute Gründe anzunehman, dass sie sie anderen vor die schützen und deswegen finde ich das Tragen in geschlossenen Räumen nicht unsinnig. Kann sein, dass später rauskomt, dass es nichts zusätzlich zum Abstand halten bringt. Aber das finde ich so wenig einschränkend, dass man das eigentlich machen sollte.
Deswegen können andere dir mit fug und recht Respektlosigkeit vorwerfen. Dass du Asthmatiker bist können sie nicht wissen. Aber das kannst du dir von deinem Hausarzt attestieren lassen.
Zuletzt geändert von lemmi am Dienstag 12. Mai 2020, 15:31, insgesamt 1-mal geändert.
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Der Charme dieser Schutzmaßnahme ist, dass leichte Masken eine sehr milde, wenig einschränkende Maßnahme darstellen und sich langsam schon herauskristallisiert, dass damit ein gewisser Schutz erreicht werden kann. Wenn man das Tragen mit einem übermäßig strengen Zwang durchsetzt, ist die Maßnahme nicht mehr mild und sie verliert ihren größten Vorteil. Dann ist es eine drakonische Maßnahme von unklarer Wirksamkeit und daher abzulehnen. Es sollte nicht so schwer sein, die Leute dafür zu sensibilisieren, dass es Menschen gibt für die Masken ein echtes Problem sind.

Demokratie heißt ja auch immer Kompromisse zu finden und ich glaube, hier wären wir alle gut bedient wenn wir es so handhaben, dass möglichst alle, denen es leicht fällt eine Maske tragen ohne diejenigen zu demütigen oder auszugrenzen, denen es schwer fällt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Leute unterbewusst immer annehmen, die Seuche würde uns verschonen wenn wir uns nur genug quälen und deswegen muss es eine simple Abwägung zwischen quälender Strenge und Infektionszahlen geben. Aber so ist das nicht. Ich bin mir sicher, wir können die Seuche eindämmen ohne uns mit schlimmen Zwängen selbst zu geißeln solange die Menschen nur solidarisch sind und auch freiwillig bei allen Schutzmaßnahmen mitmachen und nicht nur unter Zwang oder um andere Menschen, die nicht mitmachen (können) zu demütigen. Wenn jemand unter den Schutzmaßnahmen leidet, dann muss man schauen, wie man für ihn eine Ausnahme finden kann, die möglichst wenig Infektionsrisiko bedeutet.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Inwiefern soll ein Attest das Gefühl "du bist respektlos" beseitigen? Den Attest kann ich der Polizei vorlegen. Andere Fahrgäste geht das rein gar nichts an. Und ich kann auch nicht deren Gedanken lesen. Bisher hat sich von hunderten bis tausenden anderen Fahrgästen noch kein einziger beschwert.

Wer weiß, dass es Ausnahmen gibt, der fragt erst gar nicht.
Wer von den Ausnahmen nichts weiß (99 %?), dem fühle ich mich auch nicht schuldig gegenüber. Denn den halte ich für unmündig. Und wer uninformiert eine Maske trägt, also aus reinem Gehorsam, vor dem habe ich in dieser Hinsicht tatsächlich keinen Respekt. Dann passt das Gefühl wieder. :wink:

@Phil: auch was, um sich Gedanken zu machen:
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/ ... g-101.html

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Das attest beseitigt nicht das Gefühl, gibt aber demjenigen, der die Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert die Gewissheit dass du nicht ein rücksichtsloser Egoist bist - und macht dir das zusammentreffen mit ihm weniger konfrontativ.

Ich würde mich, wenn du mir in der Strassenbahn gegenübersäßest, nicht beschweren, aber dich fragen, warum du keine Maske trägst. Und eine Antwort würde ich erwarten - und die Antwort "das geht sie nichts an" für unverschämt halten. :evil:

Du bist doch jetzt informiert! Also kannst du eine Maske tragen, ohne dass du dir vorwerfen musst blinden Gehorsam zu leisten. (Es sei denn du kannst sie wirklich aus medizinischen Gründen nicht tragen - in diesen Fällen empfehle ich meinen Asthmapatienten als Alternative übrigens einen Gesichts-Schutzschirm. Der ist auch nachweislich wirksam - und vermindert sogar das Risiko, infiziert zu werden!) :wink:

Nochmal zurück zu Schweden. Gerade, weil es mit Deutschland vermutlich ganz gut vergleichbar ist, ist der Unterschied in der todesstatistik so vielsagend. Und das obwohl Deutschland dichter besiedelt ist als Schweden.

Die Situation ist neu und konfrontiert uns (wie dieser thread zeigt) mit vielen sehr grundsätzlichen Fregstellungen. Sie wird die Gesellschaft verändern. Und was die Wichtigkeit von Grundrechten angeht sehr ich das (im Einklang mit dem Bundesverfassungsgericht) anders als du. Dass Grundrecht auf Leben ist die Vorraussetzung dafür, dass ein Mensch alle anderen Grundrechte überhaupt wahrnehmen kann. Man kann für sich selbst entscheiden, dass man es hinter andere Rechte stellt, aber nicht für jemand anderen!
Zuletzt geändert von lemmi am Dienstag 12. Mai 2020, 15:33, insgesamt 1-mal geändert.
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Pok
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Beitrag von Pok »

lemmi hat geschrieben:Ich würde mich, wenn du mir in der Strassenbahn gegenübersäßest, nicht beschweren, aber dich fragen, warum du keine Maske trägst. Und eine Antwort würde ich erwarten - und die Antwort "das geht sie nichts an" für unverschämt halten. :evil:
Kannste machen. Würde mich nicht interessieren.
Du wärst damit übrigens eine unglaubliche Seltenheit. Von weit über 1000 Mitfahrenden hat mich noch kein einziger angesprochen.
lemmi hat geschrieben:Du bist doch jetzt informiert! Also kannst du eine Maske tragen, ohne dass du dir vorwerfen musst blinden Gehorsam zu leisten.
Weil ich informiert bin, trage ich keine Maske. So wie du hier argumentierst (was mich echt wundert), passiert es überall. Menschen tragen auch deshalb Masken, weil sie solche Situationen vermeiden wollen. Hast du denn komplett den negativen Effekt von Masken vergessen, dass du das Thema hier nun zu so weitläufiger Diskussion nutzt?

Ohne Maske, vor den Kontaktverboten (16.03.):

Bild

Mit Maske, mit Kontaktverboten (09.05.):

Bild

Nu? ;)

Zugegeben: das eine war ein Montag, das andere ein Samstag. Aber ich habe noch nie so eine leere Montagsbahn und noch nie so eine volle Samstagsbahn gesehen wie an diesen 2 Tagen.

Die täglichen Fallzahlen waren im Zeitraum vor beiden Bildern ungefähr ähnlich. Nur dass im ersten Bild die Zahlen stiegen und im zweiten Bild die Zahlen fielen. Soweit ich das richtig verstehe, ist die Gefahr im 2. Fall aber größer! Denn es gibt einen größeren "Pool" an Infizierten aus den Vortagen, die noch gar nicht erfasst sind.
lemmi hat geschrieben:(Es sei denn du kannst sie wirklich aus medizinischen Gründen nicht tragen - in diesen Fällen empfehle ich meinen Asthmapatienten als Alternative übrigens einen Gesichts-Schutzschirm. Der ist auch nachweislich wirksam - und vermindert sogar das Risiko, infiziert zu werden!) :wink:
Hättest du das als Privatperson gesagt, würde ich jetzt einen Kommentar dazu ablassen, aber ich verkneifs mir hier mal.
lemmi hat geschrieben:Und was die Wichtigkeit von Grundrechten angeht sehr ich das (im Einklang mit dem Bundesverfassungsgericht) anders als du. Dass Grundrecht auf Leben ist die Vorraussetzung dafür, dass ein Mensch alle anderen Grundrechte überhaupt wahrnehmen kann.
Auf welches konkrete Urteil beziehst du dich? Sowas hat das BVerfG niemals gesagt und würde es auch niemals tun.

Tatsächlich hat das BVerfG eine Zwischenposition zwischen meiner und deiner angenommen. Vor 1 Monat waren Demos praktisch bundesweit pauschal verboten. Das BVerfG hat das Pauschalverbot komplett gekippt. Es existiert kein kategorisches "Nein" zu Demos mehr. Das Recht auf Leben über andere Grundrechte zu stellen, wäre völlig realitätsfern und hätte katastrophale Konsequenzen. Wir würden in einer totalitären Diktatur leben, wenn du das wirklich willst.
lemmi hat geschrieben:Nochmal zurück zu Schweden. Gerade, weil es mit Deutschland vermutlich ganz gut vergleichbar ist, ist der Unterschied in der todesstatistik so vielsagend.
Sie ist nichtssagend. Oder ist die Pandemie bereits vorbei?
Zuletzt geändert von Pok am Dienstag 12. Mai 2020, 06:18, insgesamt 1-mal geändert.

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NI2
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Beitrag von NI2 »

Bitte erkennbare Gesichter unkenntlich machen.

EDIT: Danke :)
I OC

There is no sadder sight in the world than to see a beautiful theory killed by a brutal fact. [T. Huxley]
The pursuit of knowledge is hopeless and eternal. Hooray! [Prof. H. J. Farnsworth]

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Pok hat geschrieben:Das Recht auf Leben über andere Grundrechte zu stellen, wäre völlig realitätsfern und hätte katastrophale Konsequenzen. Wir würden in einer totalitären Diktatur leben
lemmi hat geschrieben:Das Grundrecht auf Leben ist die Vorraussetzung dafür, dass ein Mensch alle anderen Grundrechte überhaupt wahrnehmen kann. Man kann für sich selbst entscheiden, dass man es hinter andere Rechte stellt, aber nicht für jemand anderen!
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Pok
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Beitrag von Pok »

Ok, was willst du mir damit sagen? :)

Vermutung 1: dein Zitat soll eine Antwort auf mein Zitat sein. Dann würdest du eine Diktatur akzeptieren, um Menschenleben zu retten?

Vermutung 2: du findest, dass mein Zitat überhaupt nicht auf dein Zitat antwortet. Dann mache ich das hiermit nochmal konkret. Deine Ansicht wäre diskutabel, wenn 100 % aller Menschen durch das Virus zu sterben drohen. Dann wäre es tatsächlich witzlos, auf z.B. dem Demonstrationsrecht zu bestehen, wenn am Ende die Menscheit ausradiert ist. So ist es aber nicht! Möglicherweise ist es dir entgangen, deshalb wiederhole ich es nochmal: Das Recht auf Leben ist kein (!) "Supergrundrecht". Ob du im konkreten Fall das Recht auf Leben höher bewertest als alle anderen Grundrechte zu sammen, ist dir überlassen. Ich halte das wie gesagt für völlig absurd und kein bisschen zu Ende gedacht.

Da es in der öffentlichen Diskussion wegen des geilen Clickbait-Effekts immer nur heißt "Verschwörungstheoretiker gegen Virologen", möchte ich diese Schwarzweiß-Malerei mal durchbrechen:

"Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gibt, ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen"

- Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Irgendwie ist die ganze Debatte gerade ausgesprochen aalig. Was soll dieses pseudophilosophische Grundsatzgerede? Damit haben wir schon viele Seiten verschwendet, weil es beliebig missverständlich ist. Man kann bei einer Pandemie im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes vorübergehend bestimmte Grundrechte einschränken. Das ist geschehen, nichts anderes. Wir haben die Demokratie nicht abgeschafft, denn hätten wir das getan, hätte das Bundesverfassungsgericht nichts mehr dagegen tun können. Das wäre ja dann entmachtet und stattdessen hätten wir jetzt den Seuchenkaiser oder sowas. Dann könnte auch niemand mehr etwas kritisieren. Meinungsfreiheit wäre ja nun vorbei.

Also nur fürs Protokoll. Die Demokratie wird nicht restlos abgeschafft und Covid19 hat keine Sterblichkeit von 100%. Keiner sagt das, keiner will das, keiner denkt das. Die Philosophen können sich jetzt bitte wieder beruhigen und ihre Aale woanders räuchern...

Es ist doch offensichtlich, dass wir nicht bereit sind beliebig große Einschränkungen für beliebig kleine Gefahren wider das Leben hinzunehmen. Das Schäuble Zitat ist absolut korrekt, richtig und wichtig (es wäre schön gewesen wenn er als Innenminister auch so gedacht hätte, als es noch wichtig und kein bloßes Lippenbekenntnis war). Daraus folgt aber nur, dass wir jegliche Anti-Covid-Maßnahmen abblasen müssten wenn wir Covid19 nicht ernst nehmen könnten. Wir nehmen es aber ernst und kommen bei unserer Abwägung zu dem Resultat, dass wir auf jeden Fall einen Lockdown haben wollten und selbst wenn Covid19 sich als harmlos erweist, war es eine gute Maßnahme, denn man konnte das nicht wissen. Schlimm und falsch wäre wenn man es wider besseren Wissens getan hätte. Aber da die Virologen und Epidemiologen die Gefahr bestätigt haben und sich das mit meinen Recherchen deckt, sehe ich diese Möglichkeit eher nicht. Das medizinische Risiko war da. Für Laien vielleicht schlechter sichtbar als für Fachleute, aber es war real. Die Bedrohungslage war knüppeldick und die Maßnahmen waren, wenn wir nicht noch richtig hart nachlegen ausgesprochen mild. So ein Lockdown ist ein Witz verglichen mit echtem, schwerem Leid, z.B. in Syrien, im Jemen oder im Kongo. Da sieht man, wie es Leuten geht wenn Menschenrechte abgeschafft werden. Was wir hier machen ist Jammern auf hohem Niveau.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Wenn du "ich" meinst, dann sage bitte auch "ich". Es ist unehrlich, so zu tun, als stünden mehrere Leute hinter deiner Aussage. Keiner deiner Freunde hat deinen Kommentar abgesegnet, oder? Sie können sich hier gerne selbst anmelden, wenn sie das zu exakt 100 % so sehen wie du.

Und jammern auf hohem Niveau? Ich finds immer ganz toll, wenn man den absoluten Abgrund ("Syrien") als Maßstab wählt. Mein Maßstab ist nicht die Hölle, sondern das, was im positiven Sinne möglich ist. Für mich ist das mindestens Schweden.
selbst wenn Covid19 sich als harmlos erweist, war es eine gute Maßnahme, denn man konnte das nicht wissen.
Man konnte das Risiko aber eingrenzen. Wissen konnte man definitiv, dass es Negativfolgen geben wird.

Auffällig wenige Menschen gehen seit Wochen zum Arzt wegen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Vermutlich weltweit (in Deutschland und Schweden gibts Berichte dazu). Am Herzinfarkt/Schlaganfall sterben viel, viel mehr als an Covid-19. Sogar wenn man das Leben über alles stellt, müsste man abwägen. Wenn nun Alte aus Angst, sich anzustecken oder sogar aus Angst vor Besuchsverboten, bei Anzeichen von anderen schweren Krankheiten das Krankenhaus scheuen, dann drohen mehr Menschen zu sterben als durch Corona. Alleine durch diesen 1 unglücklichen Umstand!

Wenn ich nun lese, dass die aktuelle Übersterblichkeit auf Covid-19 zurückgeführt wird, dann wird mir schlecht. So ein Tunnelblick ist genau eines der Symptome, die den "Verschwörungstheoretikern" vorgeworfen werden. Ob eine Übersterblichkeit zu 10 oder zu 90 % mit den Covid-19-Toten zu erklären ist oder mit solchen Fällen verschleppter Herzinfarkte/Schlaganfälle, weiß absolut niemand. Die Medien sind peinlich genau, wenn es darum geht, den "verantwortungslosen Schweden" kleinste Fehler nachzuweisen. Aber in solchen Fällen geht die Genauigkeit plötzlich komplett flöten.

Ich kann gut verstehen, dass immer mehr Menschen jetzt an Verschwörungstheorien glauben. Die Reaktion der Mehrheit lautet dann "Idioten". Dass die Mehrheit dabei versagt, solche Theorien vorzubeugen, kommt ihr nicht in den Sinn. Die anderen sind Schuld, verantwortungslos, dumm, idiotisch. Man selbst hört ja auf Virologen. Wer so denkt, kann sich bis zum Ende der Pandemie weiter auf die Schulter klopfen und selbst belügen, wie einsichtig und vernünftig er/sie doch ist und wie dämlich die anderen. Dass immer mehr Verschwörungstheorien zum Opfer fallen, werden sie damit nicht verhindern, sondern ganz im Gegenteil noch fördern. Wer so redet, ist mitschuldig an dieser Entwicklung. Für mich noch mehr als die Idioten. Denn von denen können viele wirklich nicht denken. Von vernünfigen Leuten (alle, die sich auf "die Wissenschaft" berufen) erwarte ich aber, dass sie dieses Problem auch erkennen. Andernfalls sind sie wohl doch nicht so weise und vernünftig.

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Ich finds immer ganz toll, wenn man den absoluten Abgrund ("Syrien") als Maßstab wählt
Das warst du. Du hast die ganze Zeit von Diktatur gesprochen. Syrien ist genau das. Eine Diktatur, wo die Menschenrechte nichts gelten, weil andere Interessen (in dem Fall Machtinteressen und Geopolitik) über diesen stehen. Mit unserem partiellen Lockdown kommen wir da nicht im Ansatz heran, wir bewegen uns nicht einmal in die Richtung. Er war einschneidend und ist es noch immer, aber mit Diktatur und Ähnlichem brauchen wir da nicht anfangen. Das ist ein anderes Kaliber.

Ansonsten gilt mein Vorpost. Du hast nichts widerlegt. Überleg dir bitte eine bessere Antwort, oder überleg dir, worüber du wirklich sprechen willst - z.B. Vorschläge wie man die Öffnung gestaltet, das wäre doch ein gutes Thema, denn man hat ja schon abgewägt und sich für eine Beendigung des Lockdowns entschieden. Ich wäre ja dafür, die Covidioten weniger zu beachten und stattdessen eine vernünftige Behandlung des Themas zu wählen wo weniger Impfgegnerei und Ähnliches dran klebt. Die Einschätzung, dass die harten Maßnahmen keine Folgen für die Demokratie haben dürfen teile ich ja und das ist keinen Streit wert. Aber das kann man wohl eher nicht konstruktiv angehen wenn man sich Attila Hildmann und Xavier Naidoo ins Boot holt.

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