zu SARS-CoV-2 und Covid-19

Hier kann wirklich alles besprochen werden.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Xyrofl hat geschrieben:Es ist unnötig zu erklären, dass die ganze Welt nicht wie Schweden ist. Jeder weiß das,

Aber nicht jeder weiß, warum das so ist. Die Schweden müssten ja außerordentlich dumm sein, wenn nur sie das so machen. Sie müssten ja zu denen gehören, die man "belehren" müsste. Ich glaube nicht daran. Die Schweden sind ein kluges, offenes und demokratisches Völkchen. Mit ihrer Offenheit wird auch begründet, warum sie Zwangsmaßnahmen ablehnen. Von Schweden lernen heißt siegen lernen.
Xyrofl hat geschrieben:Du hast deine Meinung zum Thema und ich teile sie nicht, es hat sich auch sonst keiner gemeldet, der das so sieht.

Naja, wir sind ein Haufen Internet-Nerds. Unsere Mini-Gruppe ist nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Millionen Schweden melden sich nicht, weil sie gerade ihre Freiheit genießen.
Xyrofl hat geschrieben:Die Anatomie der Wirtschaftskrise, die Lage am Ölmarkt, die fiskalpolitischen Reaktionen, Eurobonds, ist das alles langweilig und irrelevant?

Es ist zumindest zweitrangig. Denn es sind alles Dinge, die von der Härte der Maßnahmen abhängen. Gibt es keine diktatorischen Maßnahmen, wird das alles tatsächlich irrelevant.
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lemmi
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Beitrag von lemmi »

In der ZEIT ist ein Artikel von Elisabeth von Thadden erschienen, der die Wertefrage auf den Punkt bringt. ("Vom guten Recht zu überleben", Zeit No. 16, 8. April 2020, Seite 46). Zwei Zitate:

"Von einem historischen Foirtschritt darf also einmal wirklich die Rede sein. Denn seit Jahrzehnten sinkt in der ganzen Welt die Bereitschaft, vorzeitiges Sterben zu tolerieren - unabhängig davon ob Unfälle, Schadstoffemissionen, Krankheiten oder Kriege der Grund sind. Dies ist ein Beweis für die global gestiegene Achtung vor dem Wert jedes Lebens, seiner Qualität und dem individuellen Recbt, der Gesundheit nicht beraubt zu werden."

"Die Gesellschaft lernt nun, die Schwäche und Verletztlichkeit, die Liebe zum sterblichen Mängelwesen, also jenes Ur-Menschliche wahrzunehmen, das wir in der Quarantäne so schmerzlich vermissen."

Der Artikel ist noch viel gehaltvoller und hat viel mehr Aspekte. Es lohnt sich, ihn zu lesen. Und auf der nächsten Seite findet sich ein Interviev mit Peter Sloterdijk über soziale und poilitische Folgen der Corona-Krise.
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie gesehen haben." (Alexander v. Humboldt, 1769 - 1859)

Holger Pfahls
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Wasser und Seife sind nicht überall verfügbar

Beitrag von Holger Pfahls »

Handhygiene ohne Wasser und Seife, wenn diese nicht verfügbar sind (z.B. im Auto nach dem Einkaufen): WHO Guidelines on Hand Hygiene in Health Care
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Pok
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Beitrag von Pok »

lemmi hat geschrieben:Denn seit Jahrzehnten sinkt in der ganzen Welt die Bereitschaft, vorzeitiges Sterben zu tolerieren
Dagegen habe ich ja auch nix. Aber es gibt m.E. 2 Probleme dabei:

1. Die Verhätnismäßigkeit. Warum toleriert man weiter Alkohol- und Tabaktote, obwohl die nach ein paar Jahren die drohenden Corona-Toten bei weitem (auch an verlorenen Lebensjahren) übertreffen? Eine Prohibition oder abermilliardenschwere Aufklärungs- und Hilfsprogramme würden nicht die gesamte Gesellschaft lähmen, sondern nur den puren Spaß eines Teils der Menschen treffen.

2. Ist das nicht eine sehr beschränkte Sichtweise? Es geht nur um die Verlängerung des Lebens (Quantität), aber nicht um die Qualität. Wenn man Leben um jeden Preis retten will, muss man sich verschanzen (so wie es gerade getan wird). Was hat man denn damit gewonnen? Unterm Strich könnte das Leben weniger lebenswert werden, als wenn man früher stirbt.

Sagt die Frau auch, warum diese Bereitschaft denn angeblich seit Jahrzehnten sinkt? Vielleicht gibt es diesen Trend. Das heißt aber nicht, dass er von rationalen Entscheidungen begleitet wird. ;-)

Hier auch ein Tipp von mir. Mal wieder von einem Historiker (ich liebe diese Typen). Der stimmt Xyrofl in einer Einschätzung zu: dass Populisten von der Krise evtl. gar nicht profitieren könnten. Aber er sieht dennoch eine Gefahr für die Demokratie! Auch 2 Zitate: "Die Demokratie ist auch durch eine einseitige Expertenherrschaft bedroht." und "Vielleicht liegt die Bedrohung für die Demokratie mittel- und langfristig tatsächlich eher im gesellschaftlichen Konformismus, der allgemeinen Einigkeit."
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Pok
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Beitrag von Pok »

Der permanente Ausnahmezustand kommt durch Willkür zustande:

Vor etlichen Tagen: "Am Donnerstag vorvergangener Woche sprach Merkel davon, die Zeit, in der sich die Zahl der Infektionen verdoppele, müsse "in Richtung zehn Tage" gehen. Am vergangenen Mittwoch, nach einer Schaltkonferenz mit den Ministerpräsidenten, taxierte sie diese Zahl schon auf zwölf bis 14 Tage. In ihrem jüngsten Podcast taucht nun gar keine Zahl mehr auf, nur noch das Ziel, dass sich die Kurve abflache." (Quelle)

Heute:
Bild

Wo sind die Lockerungen der Maßnahmen? Oder habe ich die Floskel falsch verstanden, dass man dann über Lockerungen "nachdenken" könne? So schwammige Kriterien erinnern mich an die Wortwahl von Diktaturen. Grundrechtsbeschneidende Maßnahmen müssen einen Maximalzeitraum haben und keinen Minimalzeitraum! Offiziell ist der 19. April der Maximalzeitraum. Inoffiziell ist diese oben gezeigte Farce die Realität.
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Holger Pfahls
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Wer hat immer recht?

Beitrag von Holger Pfahls »

@Pok
Corona-Verharmloser und Corona-Relativierer wie z.B. die Rechtsanwältin Beate Bahner, die zu einer Demonstration gegen die Grundrechtseinschränkungen aufgerufen hat, lernen gerade zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden: Beate Bahner wird in die Psychatrie eingewiesen

"Dies ist ein Beweis für die global gestiegene Achtung vor dem Wert jedes Lebens, seiner Qualität und dem individuellen Recbt, der Gesundheit nicht beraubt zu werden." :angel:
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Sagt die Frau auch, warum diese Bereitschaft denn angeblich seit Jahrzehnten sinkt? Vielleicht gibt es diesen Trend. Das heißt aber nicht, dass er von rationalen Entscheidungen begleitet wird.
Du kannst dir den Artikel ja durchlesen, es gibt ihn online, jedoch hinter einer paywall wie es mir scheint. Mit Gratisabo bin ich aber dran gekommen. Ich denke ich sollte ihn hier nicht per fullquote reinkopieren, das gibt rechtliche Verwicklungen :/ Aber er wäre es vielleicht wert.
Insgesamt spricht die Autorin von den vielen humanitären Fortschritten, die wir gemacht haben und das global. Selbst den Kongo schließt sie in ihre herzwärmenden Ausführungen mit ein. Die Menschen sterben da zwar vorzeitig und brutal, doch wir sehen es als einen Skandal an und würden es hier, wo unsere Demokratie mehr Macht besitzt ganz und gar nicht tolerieren. Wir sind sogar geneigt, es im Ausland zu verurteilen, einfach weil wir tatsächlich unseren Blick auf den Wert des Lebens verändert haben.
Zu den harten Gründen schweigt sie sich ein wenig aus, aber es ist an sich mehr oder weniger offensichtlich. Gesunkene Kindersterblichkeit und gestiegene Lebenserwartung führen eben zu genau dem, einer Lebens-Erwartung. Wir haben die Erwartungshaltung, dass wir zumindest dem statistischen Erwartungswert ein wenig nahe kommen. Wenn wir auch nicht alle Erfolg, Reichtum und all die anderen Segen der modernen Warenwelt des Konsumerismus bekommen können, so wollen wir doch zumindest vom Leben einen fairen Anteil bekommen, zumal das heute wirklich erreichbar aussieht.
Dass man aber nicht nur statistisch in Lebensjahren rechnen sollte, lässt der Artikel natürlich nicht aus. Die Vision der Autorin ist, dass wir durch die Krise eine Politik bekommen, die das Leben noch weiter in den Vordergrund rückt und auch die Frage stellt, wie ein erfüllendes Leben für alle möglich ist.
Die Demokratie ist auch durch eine einseitige Expertenherrschaft bedroht.
Diesen Gedanken hat der Epidemiologe Alexander Kekule schon vor einiger Zeit im Podcast Morning Briefing geäußert. Die Entscheidungen müssen von der Politik getroffen werden, nicht von Experten. Es ist kritisch zu sehen, wenn Politiker sich von Experten so beraten lassen, dass sie einfach nach Lösungsansätzen fragen und das dann umzusetzen versuchen. Sie müssten sich faktisch beraten lassen und dann versuchen ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Fakten sind eine Sache der Wissenschaft, aber Entscheidungen eine Sache der Politik. Ein Verstoß gegen diese Trennung ist gefährlich. Wenn die Experten Politik machen, droht die Technokratie, wenn die Politiker sich eigene Fakten machen, dann ist das Populismus.

@Holger: Man soll doch nicht schadenfroh sein. :wink: Die Frau ist mir sehr unsympathisch, aber Zwangspsychiatrie ist wirklich nicht schön. Das darf nicht so eskalieren :cry:

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Pok
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Beitrag von Pok »

Xyrofl hat geschrieben:Es ist kritisch zu sehen, wenn Politiker sich von Experten so beraten lassen, dass sie einfach nach Lösungsansätzen fragen und das dann umzusetzen versuchen.
So oder noch extremer scheint es aber gerade zu sein. Dieser Kommentator sagt beiläufig, dass die Wissenschaftler die Regeln nach seinem Empfinden "praktisch diktiert" haben. Also eine Diktatur, keine Demokratie. Das könnte man aus der Wortwahl jedenfalls schließen. Da es anfangs keine und nun nur zögerlich eine öffentliche Diskussion gibt und die Grundrechte eingeschränkt werden, keine Demos mehr erlaubt sind, die Opposition alles abnickt, finde ich diese Empfindung absolut nachvollziehbar. Leider ist der Mensch sonst offenbar ziemlich dumm, wenn er ernsthaft sagt "Der Schutz des Lebens ist aber nicht abwägbar gegen die Interessen einer Folgegeneration." :roll: Doch, der Schutz des Lebens ist abwägbar. Es ist zum Kotzen, dass alle das Gegenteil behaupten. Ich hatte ja schonmal gesagt, dass aus verfassungsrechtlicher Sicht diese Abwägung ständig passiert und auch namhafte Verfassungsrechtler wie Thorsten Kingreen das so bestätigen.

Mag sein, dass das mit dem Wert des Lebens stimmt. Das heißt aber nicht, dass sich aktuell nicht die pure Panik hinzumischt und diese Panik den überwiegenden Teil der Maßnahmen erklärt. Wie gesagt konnte mir noch keiner erklären, warum wir als Gesellschaft andere Todesarten fast achselzuckend hinnehmen, aber hier plötzlich die Krise kriegen. Außer indem man sagt "trifft ja auch andere, deshalb du zu Hause bleiben". 80 Mio. Menschen sollen also zu Hause bleiben und Millionen davon werden zeitweise arbeitslos. Aber einer winzigen Minderheit (10.000 Beschäftigte in der Tabakindustrie in D.) soll nix aufgebürdet werden, um über 100.000 Tabaktote jedes Jahr in D. (und mehrere Millionen weltweit) zu retten? Das ergibt keinen Sinn! Auch wenn es da nicht um ein soziales Dilemma geht. Ja, auch gegen diese Toten wird gehandelt durch Rauchverbote und Schockbilder. Aber man bombardiert die Tabakfabriken nicht mit Napalm. Diese Maßnahme wäre aber angemessen, wenn die Maßnahmen gegen Corona angeblich angemessen sein sollen.

@Holger Pfahls: ich hab mir das Video nicht angesehen, aber es gibt natürlich zu Corona auch viel Verschwörungsquatsch. Trotzdem wäre ich vorsichtig, bei einer Zwangseinweisung der Polizei und den Behörden zu trauen. Der Fall Gusl Mollath hat ja gezeigt, dass nicht jeder verrückt ist, der zwangsweise eingewiesen wird. Fakt scheint zu sein, dass gegen die Frau wegen Aufruf zu einer Demo ermittelt wird. Es gibt gute Gründe, warum das Demonstrationsrecht eines der höchsten Güter einer Demokratie ist. Wie soll man sonst auf empfundene Probleme aufmerksam machen? Auch wenn 99 % der Menschen Demos für überflüssig halten: wer in einer Diktatur lebt, weiß dieses Recht zu schätzen. Fundamentale gesellschaftliche Umbrüche sind anders als durch Protest (auf der Straße!) nämlich kaum zu erreichen. Es kann ein gefährlicher Teufelskreis entstehen, wenn man dieses Grundrecht einfach außer Kraft setzt. Kritik wird mundtot gemacht -> Konformismus wird stärker -> weniger Kritik erlaubt, usw.

Kennt jemand den Film "Surrogates"? Wenn ich ans "home office" denke, muss ich an diesem Film denken. In der fiktiven Zukunft des Films bleibt man zu Hause und arbeitet virtuell (im home office). Die Menschen trauen sich nicht mehr auf die Straße, weil jedes Risiko gescheut wird. Es gibt so keine Morde mehr. Corona-Tote gäbe es auch nicht. ;-) Zum Schluss merken die Protagonisten aber, dass so ein Leben nicht lebenswert ist. So ungefähr.
Schweden!

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Die meisten Punkte in den letzten Posts fand ich wenig erbaulich, vielleicht sollte man mal etwas Ordnung in die Sache bringen. Ich sortiere das mal in Teile, die ich unverhandelbar finde und Teile, die ich sehr gut nachvollziehen kann:

Nachvollziehbar:

- Kritik an "diktatorischen" Maßnahnen, die keinen nennenswerten Beitrag zum Seuchenschutz leisten (z.B. Demonstrationsverbot, eine Perversion in sich)

- Allgemeine, intellektuelle Debatten über Leben und Sterben wie in dem Zeit-Artikel

- Sorgen über Politiker, die sich nicht fachlich informieren, sondern vorgefertigte Lösungen erfragen

- Allgemeine Sorge um eine Schwächung des sozialen Zusammenhalts durch social distancing

Unverhandelbarer Unsinn:

- Mutwilliges Nicht-Verstehen von epidemischer Dynamik, führt zu sachlich falschen Entscheidungen, weil Fakten fehlen

- Vergleiche mit der Grippe, die eine deutliche Ähnlichkeit hinsichtlich der Schwere unterstellen - sachlich indiskutabel und nur durch Cherrypicking, d.h. Datenmanipulation zu rechtfertigen

- Negation von Risiken beim Abschätzen des worst case - wir wissen nicht fast alles über Covid19.

- Generell Vergleiche, die nur dem Vergleichenden gefallen und anderen abstrus erscheinen (z.B. Tabak)

- Ablehnen von Detailanalysen, z.B. zur Wirtschaft. Das kann nur der Übersimplifizierung dienen und endet in Populismus.

Die Frage ob man Leben überhaupt abwägen darf, geht am Thema vorbei, denn an sich kann man das sicher manchmal tun. Wenn jetzt die Wahl zwischen etwa 10.000 Sterbefällen und 15.000 Sterbefällen bis zum Ende der Epidemie wäre, dann kann man abwägen, das wird man auch tun, ganz sicher. Aber wenn im Worst case eine halbe Million oder noch mehr Menschen sterben müssen, dann ist die Abwägung doch keinen Gedanken mehr wert, das wollen wir ganz sicher vermeiden. Es müsste schon fast unmöglich sein, die Katastrophe abzuwenden, damit wir wieder überlegen müssen, aber so sieht das gerade nicht aus. Das sind nicht die Windpocken mit ihrer fast unaufhaltsamen Ausbreitungsfähigkeit, es ist nur ein Coronavirus.
Dann kommt die Sache mit dem Rechtsstaat. Natürlich wollen wir den möglichst wenig antasten. Ich bin ja gar nicht für möglichst gemeine Zwangsmaßnahmen und Strafen. Das sehe ich alles als einen Strohmann an, ein Kuckucksei, das mir untergeschoben wird, was mir gar nicht gefällt. Vielleicht habe ich Sachen geschrieben, die sich so lesen, aber das war dann halt dumm. Es ist in der Tat blinder Aktionismus wenn man Härte und Qual zur Eindämmung verwenden möchte, als würde das viel bringen. Sowas ist besonders in Bayern prävalent, wo ein bisschen das Gefühl aufkommt, die Pest-Flagellaten sind wieder da und man hofft, dass Selbstgeißelung die Seuche vertreiben kann. Ausweispflicht, Hausdurchsuchungen, Saftige Strafen wenn man im Park ein Buch liest und all solche Exzesse von fast mittelalterlich anmutendem Fetischdenken bringen uns natürlich keinen Meter voran. Ich bin sogar der Meinung, dass Milde bei solchen einschneidenden Maßnahmen essenziell ist. Es geht nur darum, die Kontaktrate zu minimieren, nicht darum, etwas zu opfern. Wir müssen die Reduktion also möglichst ohne Schmerzen vornehmen, da wo es am wenigsten weh tut. Ein Opfer interessiert den Virus keinen Heller. Es ist ja ein Virus und kein Fetisch-Gott. Er lässt sich weder mit vernichteten Grundrechten, noch mit Menschenopfern oder Selbstgeißelung besänftigen. Alle diese Dinge führen nur dazu, dass man die notwendige physische, nicht seelische Distanzierung nicht mit der notwendigen Ruhe durchhalten kann.
Schweden ist da bedingt ein gutes Beispiel, weil sie sehr gut darin sind, die Kontaktreduktion schmerzarm durchzuziehen, aber sie haben die Seuche auch nicht wirklich gut im Griff, sondern sind nur bisher halbewegs verschont geblieben und können sich das deswegen erlauben. Ihre Testquote ist gering, die offizielle Sterblichkeit (>70% Tödlichkeit bezogen auf abgeschlossene Fälle) völlig astronomisch, d.h. die Daten sind hochgradig erratisch. Schwedens Policy ist sicher nicht wie mit copy&paste auf Deutschland zu übertragen, insbesondere nicht wenn man die Gesundheitsgefahr kleinredet, denn dann wird Freiwilligkeit ein stumpfes Schwert und nach einiger Zeit rufen die Leute dann selbst nach Zwang. Selbst in Schweden gibt es Stimmen, die einen Lockdown wünschen. Schweden ist nicht einfach dumm, das will ich nicht sagen, aber sie sind auch einfach nicht Deutschland. Wir können nicht mit Neid auf Schweden schauen und hoffen, dass hier alles werden kann wie da. Als nächstes fangen wir dann mit Grönland an, da ist nämlich gerade kein Fall mehr aktiv, aber das liegt daran, dass sie Grönland sind, nicht an dem was sie getan haben...

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Pok
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Beitrag von Pok »

Mein Tabak-Vergleich ist deshalb so toll, weil er zeigt, dass beim Verhindern von Toten mit zweierlei Maß gemessen wird in unserer Gesellschaft. Der Vergleich ist praktisch der Beweis dafür, dass bei Corona und/oder Tabak irrational, dumm, gaga gehandelt wird. Mindestens eines der Maße ist völlig verrückt. Q.E.D. Ich behaupte, beide sind es.
Xyrofl hat geschrieben:Wenn jetzt die Wahl zwischen etwa 10.000 Sterbefällen und 15.000 Sterbefällen bis zum Ende der Epidemie wäre, dann kann man abwägen, das wird man auch tun, ganz sicher. Aber wenn im Worst case eine halbe Million oder noch mehr Menschen sterben müssen, dann ist die Abwägung doch keinen Gedanken mehr wert, das wollen wir ganz sicher vermeiden.
Ich denke, jedes Leben zählt? 5000 Menschen kann man abwägen, aber bei 500.000 nicht? Otto ist der 4999. der 5000 Menschen. Wie willst du dem erklären, dass sein Leben verhandelbar ist im Gegensatz zum Leben von Samira, die der 5001. Mensch der 500.000 ist? Mit dieser Denkweise wäre nicht jedes Leben gleich viel Wert. Meine Denkweise ist doch viel humaner. Ich sage, man muss immer abwägen. Egal ob 1 oder 10 Mio. Tote drohen. Und so sagt es auch jeder nüchterne Verfassungsrechtler. Abwägen heißt ja nicht nichts machen. Bei 500.000 sind logischerweise drastischere Maßnahmen gerechtfertigt als bei 5000. Wenn du jetzt aber mit worst-case kommst, dann müsste ich auch den worst-case der Maßnahmen-Folgen anführen. Und der würde deine Zahl an Toten bei weitem übertreffen.

Ich versteh auch nicht, was du an Schwedens Kurs auszusetzen hast. Die machen das so, wie du eigentlich forderst: "Die Einschränkungen sollten nicht zu streng sein, damit Menschen auch bereit sind, diese über Monate zu akzeptieren." Und das sagt der schwedische Chefvirologe Christianson Drøsten. 2 gute Gründe für dich, zuzustimmen. :D Witzig finde ich in dem Artikel, wie am Ende wieder versucht wird, Schwedens Erfolg zu erklären. Die müssen einfach nur "Glück" gehabt haben, die haben "ganz andere Bedingungen", die sind als Kinder "in einen Zaubertrank gefallen", und so weiter. Offenbar können sich die selbstgeißelnden Deutschen sich nicht vorstellen, dass sie sich umsonst selbst foltern und es auch frei, friedlich und fröhlich geht.
Schweden!

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Mein Tabak-Vergleich ist deshalb so toll, weil er zeigt, dass beim Verhindern von Toten mit zweierlei Maß gemessen wird in unserer Gesellschaft.
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Pok
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Beitrag von Pok »

Endlich.

Hab mir gerade nochmal Art. 8 GG angesehen. Da steht nur, dass die Versammlungsfreiheit unter freiem Himmel durch andere Gesetze beschränkt werden darf. D.h. das Verbot von Partys, Freundestreffen usw. in den eigenen 4 Wänden wäre komplett verfassungswidrig.
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Glaskocher
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Beitrag von Glaskocher »

Was bringt Dir jetzt diese Information?
Kann man sich etwa bei privaten Parties weniger anstecken als in der Öffentlichkeit?

Jetzt hilt kein Jammern und Sticheln, sondern Hammern und Sicheln.
Im Klartext: Man halte Abstand mit Anstand, um die Weiterverbreitung einzudämmen.
Je weniger Neuinfektionen, desto weniger mögliche infektiöse Folgekontakte. Nur das zählt jetzt.


Insgesamt ist der Dialog zu einem zweiseitigen Monoton verflacht. Zum Thema der Pandemie kommt fast Nichts Neues.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Die Info bringt mir, dass ich nun wieder demonstrieren darf und dafür nicht gleich absurde Strafen fürchten muss.

Die 2. Info bringt mir, dass ich andere Leute besuchen darf, ohne absurde Strafen fürchten zu müssen. Andererseits würde es mich wundern, wenn es so einfach wäre, da sich noch niemand so richtig beschwert hat, dass er Freunde usw. nicht mehr privat treffen kann. Es wäre ja eine extrem offensichtlicher Bruch des Grundgesetzes, wenn Versammlungen in Räumen überhaupt niemals verboten werden dürften und das aktuell dennoch getan wird. Andererseits war es für mich auch immer extrem offensichtlich, dass pauschale Demonstrationsverbote illegal sind. Ich werfe das hier mal so in den Raum, weil ich wirklich die Wahrheit wissen will. Wenn mir einer gut belegt, dass meine Schlussfolgerung falsch ist, sehe ich das auch ein. Irgendwie kann ich selbst kaum glauben, dass es so offensichtlich ist.
Je weniger Neuinfektionen, desto weniger mögliche infektiöse Folgekontakte. Nur das zählt jetzt.
Nein, nicht nur das zählt. :roll:
Dein Kommentar klingt für mich wie der schonmal befürchtete Konformismus. Es ist sehr bequem, so zu reden. Keiner macht sich gerne unbeliebt. Man stimmt ein in den Chor und die Mehrheit klopft einem auf die Schulter. Sehr angenehm.

Es geht bei der Diskussion nicht um "die Pandemie"? Du meinst wohl, es geht gerade nicht um den naturwissenschaftlichen Part der Diskussion. Bei einer Abwägung wäre es folgerichtig, 50 % auch zu den Folgen der Maßnahmen zu diskutieren. Das ist u.a. Sozialwissenschaft. Bring doch gerne Inhalte zur Biologie oder Mathematik ein, die dich mehr interessieren. Ich diskutiere eben lieber über den anderen Part, weil mir die öffentliche Diskussion eben längst noch nicht ausgeglichen erscheint.
Schweden!

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Uranylacetat
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Beitrag von Uranylacetat »

Pok hat geschrieben: D.h. das Verbot von Partys, Freundestreffen usw. in den eigenen 4 Wänden wäre komplett verfassungswidrig.
Tja, das denkst Du... Gucken wir doch mal Artikel 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung) an:

Art. 13 Absatz 7 GG normiert die Voraussetzungen für übrige Eingriffe in die Unverletzlichkeit der Wohnung. Hiernach dürfen Hoheitsträger zwecks Abwehr einer gemeinen Gefahr oder einer Lebensgefahr in das Grundrecht eingreifen. (Jörg-Detlef Kühne: Art. 13, Rn. 50. In: Michael Sachs (Hrsg.): Grundgesetz: Kommentar. 7. Auflage. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66886-9)

Sofern ein Gesetz dies bestimmt, darf die Maßnahme darüber hinaus auch zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere zur Behebung der Raumnot, zur Bekämpfung von Seuchengefahr oder zum Schutze gefährdeter Jugendlicher vorgenommen werden. Anders als bei Art. 13 Absatz 2 GG genügt im Rahmen von Art. 13 Absatz 7 GG ein rein materielles Gesetz als Eingriffsgrundlage.

Dreimal darfst Du raten, welches materielle Gesetz aktuell ggf. in Verbindung mit den jeweiligen Polizeigesetzen der Länder "bei Gefahr im Verzug oder für das Gemeinwohl" angewendet wird?

Übrigens: Die DDR war 1970 der erste Staat in Europa, der als Konsequenz aus der Hongkong-Grippe (1968 - 1970) einen Pandemie-Plan mit abgestuften Aktionsmöglichkeiten - vergleichbar "Hammer und Tanz" von Bund und Ländern heute - einführte, wie ich in einem nicht allgemein zugänglichen Dokument bei Thieme und in der Hochschul-Literatur-Liste des THW "bruchstückhaft" entnehmen konnte. Und das noch lange vor der WHO.... Damals war das Geflügelpest -Virus in das Influenza -Virus mutiert....

Konformismus hin und her: Glaskocher hat absolut recht!
"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

Alles ist Chemie, sofern man es nur "probiret". (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

„Dosis sola facit venenum.“ (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus 1493-1541)

"Wenn man es nur versucht, so geht´s; das heißt mitunter, doch nicht stets." (Wilhelm Busch 1832 -1908)

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