Ein kleines Rätsel zum Dienstag

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lemmi
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von lemmi »

Was ich bemerkenswert finde, ist das alle Kristalle die gleiche Farbe haben. Das spricht ein bisschen gegen chirales verhalten, denn dann müsste, je nach Position der Kristalle jeder eine andere Farbe haben. Habe ich jedenfalls mal an Natriumchlorat so beobachtet.
Dicroismus scheidet aus, da dann auch verschiedene Farben auf demselben Bild zu erkennen sein müssten.

Meine Vermutung: es handelt sich um grüne Kristalle, die aus Gründen ihres Brechungsverhaltens im Inneren dunkel erscheinen und nur an den Kanten das Licht durchlassen.

Bei der bekannten Neigung des Kollegen Seaborg zu ausgefallenen Kristallen und Doppel- oder Dreifachsalzen sehe ich die Chance, zu erraten was hier vorliegt, ohne weitere Tipps fast gleich Null :wink:
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Seaborg
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Seaborg »

Die Lösung liegt im Verhalten meiner geschichteten Kristalle der Tripelnitrite im polarisierten Licht.
Durch Zufall entdeckte ich, daß der Mantel der geschichteten TN (GTN) aus grünem Cu/Sr anisotrop ist, das TN aus Ni/Sr aber nicht, sodaß
lediglich der Mantelbereich im pol. Licht hell aufleuchtet! Bei umgekehrter Schichtung leuchtet der Kern, was dann aber nicht so spektakulär ist.
Die Bilder dazu (und eine verbesserte Herstellungsanleitung) finden sich im überarbeiteten Aufsatz: "Ungewöhnliche Kristalle (ergänzt)".
viewtopic.php?f=62&t=5680

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mgritsch
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von mgritsch »

faszinierend :) die übereinander gewachsenen Tripelnitrite waren ja schon im normalen Licht faszinierend schön, ein weiterer Aspekt.
Mit der Kristallform habe ich mich also in eine falsche Ecke gedacht, die Anisotropie kommt nicht von einer anderen Kristallachse sondern tatsächlich davon dass es eine andere Phase ist... naja, 2D Projektionen sind einfach unvollständig in ihrer Information :)

Glaskocher
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Glaskocher »

Ui... Da müßte man jetzt alle relativ transparenten Spezies dieser Tripelnitrite durchtesten, ob noch Andere das Licht drehen. Da diese Salze problemlos aufeinander aufwachsen könnten noch weitere Kombinationen drin sein, die...

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Seaborg
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Seaborg »

Zunächst mal ist es schon eine Überraschung, daß ein kubischer Kristall überhaupt pleochrom ist; das ist sonst meines Wissens nicht der Fall.
Meine Untersuchungen haben aber ergeben, daß auch die reine Cu/Sr-TN-Verbindung dieses optische Verhalten zeigt, im Gegensatz zur Ni/Sr-TN-Verbindung. Soviele weitere Möglichkeiten einer sauberen Schichtung gibt es nicht. Die theoretisch naheliegenden sind in meinem Aufsatz gezeigt. Die anderen denkbaren Kombinationen innerhalb einer TN-Untergruppe bilden Mischkristalle oder fallen als Schichtung nicht auf, weil sie überwiegend gelbbraun sind.

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mgritsch
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von mgritsch »

Seaborg hat geschrieben:
Donnerstag 17. November 2022, 12:45
Meine Untersuchungen haben aber ergeben, daß auch die reine Cu/Sr-TN-Verbindung dieses optische Verhalten zeigt, im Gegensatz zur Ni/Sr-TN-Verbindung.
das ist auch bemerkenswert - sonst wäre eine mögliche Erklärung für das optische Verhalten eventuell die Epitaxie. Ein Kristall wächst auf einem anderen auf der ein leicht abweichendes Kristallgitter hat und übernimmt dabei ein Stück weit die Kristallstruktur des Substrats sodass verzerrte Kristallgitter herauskommen. AFAIK ist das aber ein Phänomen das normalerweise nur im Bereich < 1µm Dicke Schichten relevant ist.

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Seaborg
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Seaborg »

Eine weitere Untersuchung der Kristalle mit REM/EDX an Geräten der Universität Tübingen ist geplant.

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mgritsch
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von mgritsch »

Cool, du gehst es gründlich an :)

Es könnte eine Herausforderung werden die Kriställchen unbeschadet und unverändert aus der Lösung heraus, gewaschen und getrocknet zu bekommen
Was erwartest du zu sehen? Das REM gibt ein schönes „3D“ Bild der Geometrie und das EDX sagt dir etwas über die elementare Zusammensetzung der obersten paar 100nm - also der äußeren Schicht. Kristallographische oder chemische Informationen (Phasen) gibt es daraus nicht, das bräuchte eine Röntgendiffraktometrie. Mit Pulver sollte man zumindest eine Aussage über die Phasen bekommen und somit beide - Kern wie Hülle - sehen. Sollte es auf einer anständigen Uni geben, allerdings wirst du dafür eventuell eine etwas größere Probenmenge brauchen als nur der Tropfen am Objektträger.

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Seaborg
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Seaborg »

Ein Wissenschaftler der Uni ist an mich herangetreten wegen einer Probe.
Das ist aber nicht so einfach, weil das Kristallgemisch auf dem OT durch Hygroskopie naß ist und wenn ich es vorsichtig im warmen Luftstrom trockne, fallen sofort weisse Salze (Nitrite und Acetate) aus und "versaubeuteln" die TN.
Es ist mir aber gelungen, sie nach dem Trocknen zu waschen, indem ich einen Tropfen H2O aufbringe und den mit Fliesspapier abziehe. Schöner wird das Ganze dadurch nicht, aber ein guter Kristall soll wohl reichen.

BJ68
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von BJ68 »

Tja, halb OT....soviel dazu, dass nur in "high-tech" Laboren und natürlich nur professionell (beruflich) geforscht werden kann.....find ich geil und ist wieder mal eine Watschen für diverse Bürokraten...siehe meine Signatur.

bj68
Fuck the "REGULATION (EU) 2019/1148" of the European Parliament and of the Council...denn
Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Art 5 Abs. 3 GG

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Seaborg
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von Seaborg »

:yeah:

aliquis
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Re: Ein kleines Rätsel zum Dienstag

Beitrag von aliquis »

BJ68 hat geschrieben:
Freitag 18. November 2022, 07:58
soviel dazu, dass nur in "high-tech" Laboren und natürlich nur professionell (beruflich) geforscht werden kann
Befreit von den einschlägigen gesetzlichen Restriktionen sind nur Honorar-Dozenten ohne eigenen Laborarbeitsplatz in der Uni... und anscheinend auch Emeriti. :wink:
In gleicher Weise wird man dies wohl noch freiberuflichen Ärzten sowie selbstständigen Apothekern, die ihre Fortbildung im Eigenstudium betreiben, zugestehen.
Ansonsten gelten für Angestellte aus diesen Bereichen zu Hause die gleichen Regeln wie für andere Privatpersonen auch.
Oder man betreibt ein passendes Gewerbe, zu dessen Möglichkeiten und Grenzen siehe hier: viewtopic.php?f=13&t=5830

OT Ende.

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