Bösewicht im Chemikalienschrank

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Vanadiumpentoxid
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Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von Vanadiumpentoxid »

Hier mal was zum Raten von mir:

Es ist wohl inzwischen schon ein Dreivierteljahr her, als mir auffiel, dass das oberste Regal meines Chemikalienschranks offensichtlich anfing, oberflächlich zu korrodieren. Es besteht aus feuerverzinktem Stahl. Binnen weniger Wochen hatte sich fast das ganze Regal mit einer weißen fein-kristallinen Salzschicht überzogen. Also nicht lang gefackelt, sondern alles ausgeräumt und auf Suche nach dem Verursacher begeben. Ich hatte zuallererst meine Flaschen mit den konzentrierten Säuren, voran die Salzsäure in Verdacht. Jedoch: diese stehen auf dem Bodenregal, in Laborglasflaschen mit Ptfe-Verschluss, zusätzlich in Druckverschlussbeutel eingetütet und in einen separaten Kunststoffbehälter mit Deckel gestellt. Zudem wiesen das untere und mittlere Regal keinerlei Korrosionsspuren auf, obwohl sie besonders dort anzutreffen sein müssten, weil die betreffenden Säuredämpfe ja schwerer als Luft sind. Die flüssigen Säuren schienen somit als Verursacher auszuscheiden. Aber was dann? Auf dem obersten Regal befinden sich nur Feststoffe in dicht schließenden UN-Behältern und Weithalsflaschen.

Aber wofür gibt es schließlich die qualitative Analyse. Also etwas vom kristallinen Beleg vom Regal gekratzt und einer genaueren Untersuchung unterzogen. Nach Kationen musste ich nicht suchen. Das sollte Zink sein. Aber welcher Säurerest? Also ein Test mit Silbernitratlösung auf Halogenide (es steht auch eine Flasche mit Iod im Regal, ein Regal darunter Bromwasser, beides ebenfalls mit Ptfe-Verschluss, die Bromwasserflasche zusätzlich in einem Plastikbehälter, umgeben von Thiosulfatlösung). Außerdem ein Test mit Bariumchloridlösung auf Sulfat. Ich beginne mit dem Sulfat-Test, dachte ich mir - und konnte mir den Halogenid-Test dadurch sparen: eine Lösung der Kristalle in demin. Wasser ergab mit Bariumchlorid sofort einen dicken weißen Niederschlag. Ein Schuss - ein Treffer!
Also Schwefelsäure? Hm, die defundiert aber nicht durch Flaschenverschlüsse (außer bei Oleum und das besitze ich nicht). Ich schaute mir das betroffene Regal nochmals genauer an. Die Korrosionsschicht befand sich überall kreisförmig um alle Behälter herum, lediglich direkt in den Bereichen, worauf die Behälterboden gestanden hatten, war nichts zu sehen, weil dort kein Gaskontakt zum Blech möglich war. Am stärksten betroffen war der Bereich um eine Stelle herum, auf dem ein UN-Behälter stand. Und je weiter von dieser Stelle entfernt, desto dünner wurde die Korrosionsschicht. Hier muss er also gestanden haben, mein korrosiver Bösewicht im Chemikalienschrank. Dummerweise hatte ich schon alles ausgeräumt, statt detektivisch Behälter für Behälter vorzugehen. Glücklicherweise wusste ich aber ganz genau, welche Chemikalie an dieser Stelle stand (an der Ordnung verändere ich eigentlich nur selten etwas, es sei denn, aufgrund weiteren Zuwachses ist Flaschenrücken angesagt...). Es handelt sich um ein weißes, krümeliges Natriumsalz mit stark stechendem Geruch, das sich tatsächlich erst seit wenigen Wochen in meiner Sammlung befand.
Also flugs umgefüllt vom Plastikbehälter (Originalgebinde!) in eine Laborflasche mit Tefloneinlage im Deckel und separat in einen hölzernen Nebenschrank gestellt, wo es nichts gibt, was in diesem Maße korrodieren könnte. Seitdem ist Ruh' im Karton, die Korrosion gestoppt - der Schuldige gefunden.

Wie sieht es aus? Hat jemand eine Ahnung, welcher Feststoff in der Lage ist, durch Schraubdeckel hindurch so stark auszugasen und dadurch Metalle anzugreifen? Kleiner Tipp: was am Ende als Sulfat vorliegt, muss nicht zwingend auch vorher schon Sulfat gewesen sein. :wink:
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virgil
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von virgil »

Natriumdithionit Anhydrat ....Abgabe von SO2 .....feuchtigkeit...bildung Schwefliger Säure...oxidation mit dem Luftsauerstoff zu Schwefelsäure......+ Verzinktes Blech......bildung Zinksulfat

Vanadiumpentoxid
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von Vanadiumpentoxid »

virgil hat geschrieben:
Montag 26. April 2021, 01:36
Natriumdithionit Anhydrat ....Abgabe von SO2 .....feuchtigkeit...bildung Schwefliger Säure...oxidation mit dem Luftsauerstoff zu Schwefelsäure......+ Verzinktes Blech......bildung Zinksulfat
Ziemlich nah dran. Die Erklärung war schon mal richtig, die Chemikalie dennoch eine etwas andere.
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mgritsch
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von mgritsch »

Dann wohl Disulfit.
Thiosulfat bzw Sulfit gibt ohne Säurezugabe kein SO2 ab.

Vanadiumpentoxid
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von Vanadiumpentoxid »

mgritsch hat geschrieben:
Montag 26. April 2021, 10:55
Dann wohl Disulfit.
Treffer, versenkt. :thumbsup:
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von mgritsch »

Btw, abgesehen von zu vermeidenden Emissionen ist die nicht ganz luftdichte Lagerung von Disulfit auch nachteilig für seine Qualität.
Ich hatte mal ein Kunststoffgebinde mit Disulfit - nach einigen Jahren stiller Lagerung (ohne äußerlich erkennbare Korrosionserscheinungen :) ) wollte ich es benutzen. Es war bereits durchoxidiert! :eek: Auf Säurezugabe hin kein bisschen SO2 mehr riechbar. Viele Kunststoffe sind leider sehr gut Sauerstoffdurchlässig!

Vanadiumpentoxid
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Re: Bösewicht im Chemikalienschrank

Beitrag von Vanadiumpentoxid »

mgritsch hat geschrieben:
Montag 26. April 2021, 17:12
Btw, abgesehen von zu vermeidenden Emissionen ist die nicht ganz luftdichte Lagerung von Disulfit auch nachteilig für seine Qualität.
Ich hatte mal ein Kunststoffgebinde mit Disulfit - nach einigen Jahren stiller Lagerung (ohne äußerlich erkennbare Korrosionserscheinungen :) ) wollte ich es benutzen. Es war bereits durchoxidiert! :eek: Auf Säurezugabe hin kein bisschen SO2 mehr riechbar. Viele Kunststoffe sind leider sehr gut Sauerstoffdurchlässig!
Mein Disulfit funzt noch sehr gut, waren ja aber auch nur 3 Wochen in dem Behälter, der in anderen Fällen immer sehr gut dicht hält.
Wahrscheinlich habe ich das Glück gehabt, dass es auch bei der Händlerin so nicht allzu lange im Regal stand oder sogar erst vor Versand abgefüllt wurde. Und jetzt in der Glasflasche mit PTFE-beschichteter PBT-Schraubverschlusskappe sollte mittelfristig nur noch wenig zu befürchten sein. By the way: nichts ist für die Ewigkeit. Disulfid lässt sich leicht und billig jederzeit nachkaufen. Solange Winzer eine bessere Lobby als Hobbychemiker haben, dürfte der Stoff wohl auch nicht so schnell unter die ChemVV fallen. Und da auch die REACH-Neubewertung noch relativ frisch (2014) ist, ist zumindest in den kommenden Jahren keine Änderung hinsichtlich der einfachen Verfügbarkeit zu erwarten.
Und wenn doch, würde ich mir vorher noch einen Vorrat portionsweise ampullieren. Damit kommt man der ewigen Haltbarkeit wenigstens einen Schritt näher...

Erstaunlich instabil sind hingegen wässrige Sulfitlösungen (die habe ich zum Entsorgen von Halogenen immer gern zu Griff). Sie saugen den Sauerstoff regelrecht aus der Luft, so dass halbvolle Kunststoffflaschen anfangen einzudellen... Und schon nach wenigen Wochen sind sie komplett unbrauchbar.
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die Gelassenheit, hinzunehmen, was ich nicht verändern kann,
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