Entsorgung von Chemikalienabfällen

Fragen zur allgemeinen Chemie; alles, was in keine andere Kategorie passt.

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lemmi
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Entsorgung von Chemikalienabfällen

Beitrag von lemmi »

Ich weiß nicht ob es so einen thread schon irgendwo gibt, deshalb fange ich mal einen an. Wie entsorgt man als Hobbychemiker seine Abfälle?

Bis vor kurzem fand ich das problemlos. Ich ging immer zur Schadstoffsammelstelle mit einem Behälter "Schwermetallabfälle", und einem für halogenierte und nicht halogenierte Lösungsmittel. Ansonsten fällt bei mir nichts entsorgenswertes an. Bisher haben das die Mitarbeiter der städtischen Abfallwirtschaft auch immer kommentarlos entgegengenommen und ich ging davon aus, daß alles geregelt sei.

Nun wurde ich beim letzten Mal gefragt: "Schwermetallabfall - was soll denn das sein? Was ist denn da drin?"
Ich: "Naja, Kupfer, Nickel, Kobalt, Cadmium, Zink, Antimon, vielleicht auch 'n bisschen Arsen... Schmermetalle eben"
"Ja aber, das sagt mir nix! Ist das sauer oder alkalisch?"
"Naja eher leicht alkalisch, aber das ist ja nicht das entscheidende"
"Weil, wir haben hier nämlich nur die Kategorien Säuren oder Alkalien"

Mit den Quecksilberabfällen (die sammle ich extra - vielleicht muss man das nicht, aber ich mache es halt) hatte ich dasselbe Problem.
"Wo soll ich das jetzt hintun? Das ist doch kein Quecksilber!"
"Nein, aber da ist Quecksilber drin gelöst!
"Und wohin soll ich das jetzt tun? Ich kann nur Quecksilbermetall annehmen."
Unter dem Tisch strand eine Plastikdose mit Thermometern. Der "Quecksilberabfall".

Die Gefäße wurden dennoch angenommen - aber ich frage mich ernsthaft, ob ich da richtig bin, bzw. ob meine Abfälle da wirklich sachgerecht entsorgt werden. Noch so ein Punkt: die Lösungsmittel wanderten alle in die gleiche Tonne - egal ob mit oder ohne Halogen.

Wie macht ihr das?
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

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Chaoschemiker
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Beitrag von Chaoschemiker »

Du solltest hierbei bedenken, dass bereits von Landkreis zu Landkreis/Stadt zu Stadt unterschiedliche Firmen mit der Entsorgung beauftragt werden... Damit hast du also gute Chancen für Deutschland 295 unterschiedliche Methoden anzutreffen...

Dazu kommen verschiedene Entsorgungsanbieter bei den einzelnen Betrieben und Forschungseinrichtungen... Du hast also eine breite Auswahl :roll:

Eine generelle Sammlung und zweckmäßige Trennung ist sinnvoll. Allerdings hätte ich bei Kleinmengendurchsatz immer so ein flaues Gefühl, wenn manche Dinge wirklich EWIG stehen. Denn einerseits will man ja auch nicht wegen jeder 10 mL Pfütze oder 1-2g Problemabfall zum Entsorger rennen. Andererseits ist es gut, wenn das Zeug endlich im Ofen verschwindet, bevor, gerade im LöMi-Bereich, alles durchdiffundiert ist, oder endlich die Dichtung zerfressen hat usw...

Was die endgültige Abfallbehandlung angeht, scheint es auch kein "idealrezept" zu geben. Im Zweifel ist es Verbrennung (Was wohl mit ALLEM geschieht, außer vllt. Hg-Metall welches wohl direkt wieder aufbereitet wird) im Drehrohrofen oder Beifütterung in andere (Ver-)Brennanlagen.

Bei mir an der Uni wird z.B. nur in Weiß (AC wässrig) und Schwarz (OC, ALLES was mal "LöMi" gesehen hat) unterschieden. Das wird dann abgeholt und niemand weiß was damit passiert...
Anwesenheit sehr warscheinlich.

Don't throw anything away. There is no 'away'.

Abusus non tollit usum.

Wären Maulaffen giftige Gefahrstoffe im Sinne der GefStoffV, könnte man das Gaffen an Privatpersonen durch Personen ohne Sachkunde nach §5 ChemVerbotsV nach §382 StGB bestrafen.

meganie
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Beitrag von meganie »

...

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frankie
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Beitrag von frankie »

Bei uns an der Uni (bzw. in der AG) gibt es:

(1) nicht halogenhaltig
(2) halogenhaltig
(3) wässrig

(4) Hg-Abfälle

(5) eine mannsgroße blaue Blechtonne wo alles verschwindet was sonst noch anfällt.
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Chaoschemiker
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Beitrag von Chaoschemiker »

Guter Punkt! Feststoffabfälle fallen natürlich auch an, diese kommen an der Uni, sofern nicht in Kanister überführbar (Kanülen/Wischlappen/Filterpapier) in eine großen Sammelcontainer (~0,75m³, Stahlkorpus mit Stahldeckel)

Für den Privatanwender ist es also eher schwierig... Am besten bedient ist man wohl wenn man sich vorher informiert welche Abfallbehandlung/Entsorgungsmöglichkeiten überhaupt zur Verfügung stehen.

Wenn man sich sicher ist, dass z.B. der Hausmüll direkt thermisch behandelt wird, würde es ja theoretisch nichtmal ein Problem darstellen gewisse Dinge über diesen Weg zu entsorgen.
Kann allerdings auch nach hinten losgehen: Siehe hier
Generell sollte es helfen, die Problemstoffentsorgungsstelle durchaus einfach mal zu befragen.
In so nem Fall wie bei lemmi, dass die Leute GAR keinen Dunst haben was wohin soll, ist das natürlich nicht so toll. Im Zweifel direkt ein Entsorgungsunternehmen kontaktieren.
Anwesenheit sehr warscheinlich.

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Dimethylsulfoxid
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Beitrag von Dimethylsulfoxid »

Ich denke sowas unterscheidet sich stark von Kommune zu Kommune. Bei uns in Duisburg ist es soweit kein Problem Laborabfälle zu entsorgen. Ich fahr da jedes halbe Jahr hin und bringe meine 10 Kanister (wenn es ein wirklich erfolgreiches Halbjahr war) dahin. Einmal wurde ich gefragt ob es gewerblicher Abfall sei, aber da ich dies verneinen konnte musste ich auch kein Gebühr bezahlen. Laut dem Gefahrstoffbeauftragten unserer Wirtschaftsbetriebe wäre es kein Problem bis 200 l als Privatperson Gefahrstoffe abzugeben.
Meine Abfälle sammel ich relativ spezifisch, d.h. natürlich die üblichen Abfälle wie Lömis halogenfrei/-haltig, Säure/Basen, Schwermetalle, ansonsten spezifischerer Abfall wie Ethidiumbromidhaltige Lösungen, Färbelösungen. Sachen wie Chromate oder Azide sammel ich auch getrennt, ebenso wie Glasbruch und benutzte Aufsaufgmittel. Biologische Abfälle (bis auf Kanülen) werden autoklaviert und kommen in den Hausmüll/Ausguss.
Alles war kritischer ist und über den normalen Laborbetrieb hinaus geht entsorge ich an der Uni.

Lemmi, eigentlich müsste jede Kommune/Wirtschaftunternehmen der Stadt einen Gefahrgutbeauftragten haben, der u.a. auch für sowas zuständig ist. Der müsste dir eigentlich weiterhelfen können, jedenfalls sicher besser als die "einfachen" Mitarbeiter dort.
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wirehead
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Beitrag von wirehead »

Also um den Abfall zu deklarieren gibts http://de.wikipedia.org/wiki/Abfallschl%C3%BCsselnummer
Wenn er deklariert ist sollte der Entsorger damit etwas mehr anfangen können (oder auch nicht weil er es nicht entsorgen darf)
Unsere Entsorger (im geschäftlichen Bereich) brauchen diese Abfallschlüsselnummer sonzt wird der Abfall nicht angenommen.

Die Leute die hier mit einem "Schadstoffmobil" vorbeikommen sammeln allerdings alles ein, die haben aber auch nicht den leisesten Schimmer davon was sie mitnehmen und Entsorgen...
Ekki Ekki Ekki Patang!

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Danke für die Antworten!
Chaoschemiker hat geschrieben: Allerdings hätte ich bei Kleinmengendurchsatz immer so ein flaues Gefühl, wenn manche Dinge wirklich EWIG stehen. Denn einerseits will man ja auch nicht wegen jeder 10 mL Pfütze oder 1-2g Problemabfall zum Entsorger rennen. Andererseits ist es gut, wenn das Zeug endlich im Ofen verschwindet, bevor, gerade im LöMi-Bereich, alles durchdiffundiert ist, oder endlich die Dichtung zerfressen hat usw...
Geht mir auch so! Worin sammelt man als "Kleinmengendurchsetzer" solche Lömis denn am besten? Ich gestehe, ich habe bisher einfach Schraubdeckelgläser genommen.
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Pok
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Beitrag von Pok »

Chaoschemiker hat geschrieben:Das wird dann abgeholt und niemand weiß was damit passiert...
Weiß eigentlich überhaupt jemand was damit passiert?

Lösungsmittel werden verbrannt, ok. Aber Schwermetalle können nicht "entsorgt" werden. Ich befürchte, sämtliche Schwermetalle werden "endgelagert". Lösungen dürften auch unbehandelt ins Endlager wandern, also nicht z.B. aufkonzentriert werden, um das Volumen zu verringern. Ein Problem, das m.E. durchaus mit der Endlagerung von Atommüll vergleichbar ist.

Hier ein nano-Beitrag: link.

Wenn der Müll mal "leckt", gibts echt ein Problem. Und selbst wenn nicht: nachhaltig ist diese Form der Entsorgung absolut nicht.

Beispiel, wo es mal richtig schief ging:
https://www.youtube.com/embed/_ItwWzGpdrg?rel=0

Vielleicht sollte man sich dieser Problematik auch als Hobbychemiker bewusst sein und nur so wenige problematische Abfälle produzieren, wie nötig?!

zweitens
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Beitrag von zweitens »

Das Schwermetalle teilweise noch an der Uni (früher zumindest) als unlösliche Sulfide gefällt werden und daher erstens als Feststoff und zweitens praktisch ungiftig weil unlöslich anfallen, hat sich nicht rumgesprochen?
Sowas in der Art werden doch auch die Entsorgungsunternehmen machen, würde ich meinen. Grade aus Lösungen.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Eine Sulfid-Fällung wird m.W. nicht praktiziert. Weder an der Uni noch an der Schule habe ich sowas erlebt. Dass die großen Entsorger es tun, kann ich mir aus folgenden Gründen auch nicht vorstellen:

1. bräuchte man gigantische Mengen an Sulfiden bzw. H2S. 2. wäre der Aufwand enorm. 3. fallen Sulfide a) durch Komplexierung o.ä. längst nicht immer vollständig und b) oxidieren durch Luftsauerstoff oder Ox-Mittel in der Lösung gerne mal zu Sulfaten. 4. fallen Sulfide der Metalle bei unterschiedlichen pH-Werten optimal aus. Man bräuchte auch gigantische Mengen an Lauge, um saure Lösungen zum gewünschten pH-Wert zu bringen. 5. können durch saure Medien (oder wieder Sauerstoff) Sulfide in der Deponie auch wieder gelöst werden, sie wären also gar nicht "ungiftig weil unlöslich". Sowas passiert in Sedimenten von Flüssen/Gewässern ständig.

Die Sulfid-Fällung wäre also alles andere als die ultimative Lösung.

zweitens
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Beitrag von zweitens »

Dann formuliere ich es nochmal so:
Kosten und Mengen waren scheinbar kein Problem, Natriumsulfid ist da billig und in technischer Reinheit.
An meiner ehem Uni wurden zumindest früher die Schwermetalle als Sulfide gefällt (standardmäßig) und Aceton destilliert und wieder verwendet (zweiteres an der OC und das nicht nur früher).

zweitens
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Beitrag von zweitens »

zweitens hat geschrieben:Dann formuliere ich es nochmal so:
Kosten und Mengen waren scheinbar kein Problem, Natriumsulfid ist da billig und in technischer Reinheit.
An meiner ehem Uni wurden zumindest früher die Schwermetalle als Sulfide gefällt (standardmäßig) und Aceton destilliert und wieder verwendet (zweiteres an der OC und das nicht nur früher).
Also wenn du es gesehen hast oder selbst gemacht hast weißt du, es ist kein Aufwand sondern einfach ein 4l Kolben oder größer und Na2S.

Oh, das sollte Edit werden, kein Zitat.

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Phil
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Beitrag von Phil »

Nun Lemmi, Du hast wohl einige Pfeifen erwischt die keine Ahnung haben.
Da Du alles sauber Etikettiert hattest sollte es in dem Mobil kein Problem sein alles ab zu geben.
Wie hiess denn die Firma mit dem Mobil?
Schwermetalle werden z.B. zur http://www.nickelhuette-aue.de/ gebracht und aufgearbeitet, Dann ist da die http://indaver.de/ueber-uns/unternehmen/him/
Die ist in Bibesheim und verbrennt fast alles Organische.
Halogenierte abfälle im Hobby Bereich können gemischt werden mit den normalen Lösemitteln, Säuren und Laugen können kanalisiert werden.
Bei der Abgabe von Lösemitteln ist darauf zu achten dass keine Lebensmittelbehälter genommen werden, da Deckelschraubgläser nicht dicht sind und einem alles über die Finger rinnt da die Dichtung teilweise angefressen wird. Hilfreich sind alte Brennspiritus Flaschen oder Benzinkanister.
Warum werden halogenierte Abfälle gesondert gesammelt? Weil die Verbrennung teurer ist, da die Halogensäuren aus den Rauchgasen rausgewaschen werden je nach Anlage wird eben dann nur 100 kg /stunde verbrannt oder noch weniger aber auch mehr ist möglich. Das selbe Problem hat man mit Schwefelhaltigen Abfällen.
Metallisches Hg wir nun zu Zinnober verarbeitet und end gelagert. http://www.batrec.ch/de/
Alternativ kann man Chemikalienabfälle auch in die Apotheke oder Drogerie bringen.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Die Umsetzung von Hg zu Zinnober und die Aufarbeitung der Schwermetalle in der Nickelhütte mag für Großkunden gelten, die ganz definierte Abfälle im großen Maßstab anliefern. Aber das wird doch sicher nicht mit dem wilden Stoffgemisch getan, welches auf Schadstoffhöfen von Privatpersonen angeliefert wird.

@zweitens: du hast Problem 1 angesprochen, aber nicht die Probleme 2-5. Es geht mir nicht um die Theorie oder um Mutmaßungen. Was ich wissen will ist, ob jemand tatsächlich weiß, wie die Entsorger sowas behandeln.

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