zu SARS-CoV-2 und Covid-19

Hier kann wirklich alles besprochen werden.

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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Ich verstehe nicht ganz, was eine "Massentestung" als alternative zum social distancing bringen soll?
Nehmen wir mal das einfachste ökonomische Modell an. Ein Test kostet in etwa 200€ und die Angebotskurve ist horizontal, die Preise ändern sich nicht egal wie viel man bestellt. Das macht bei 83 Mio Bürgern 16,6 Mrd € das ist nicht besonders viel, so etwas kann die Staatskasse schultern. Also geht jetzt Frau Merkel zu Frau Lagarde, leiht sich 17 Mrd € und geht dann zu Mr. Market an der Börse, lädt das Geld dort ab und sofort sind wir alle getestet. Jetzt muss nur noch daheim bleiben, wer auch infiziert ist. Nach zwei Wochen machen wir das Ganze noch einmal um zu schauen wie viel es gebracht hat und dann zu feiern.
Alles wäre so einfach wenn man mit Geld beliebige Waren und Dienstleistungen beliebig schnell bekommen könnte. Es ist ja wahr, wenn man alle testen könnte, dann müssten auch nur die daheim bleiben, die wirklich infiziert sind. Es gab kleine Dörfer, die das so gemacht haben und das hat funktioniert.

https://www.abc.net.au/news/2020-03-21/ ... e/12075048

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Pok
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Beitrag von Pok »

Jo, schick. Ich hab zwar nicht von 83 Mio. gesprochen, sondern von 100.000, aber macht ja nix.

@lemmi: Du weißt doch überhaupt nicht, ob die Maßnahmen geeignet sind. Nur weil man es "social distancing" nennt und "social distancing" eine (!) der scheinbar effektiven Möglichkeiten ist, heißt das nicht, dass Versammlungsverbote von "mehr als 2 Menschen" in der Öffentlichkeit wirksam sind. Sie könnten genauso gut das Gegenteil bewirken, da sich die Leute zu Hause treffen!

Wer hier unter euch kennt denn die Regeln so genau? Haltet ihr euch daran? Oder könnt ihr (noch) damit leben, weil es eben nicht nachprüfbar ist, wenn ihr zu Freunden geht oder in anderer Weise gegen die Regeln verstoßt? Ich hoffe auf 1-2 Ehrliche, die sagen "Ja, ich bin ein Schwein". Ich sage es jedenfalls.

Und zum Thema Notsituation im GG: der "Notstand" wäre das einzige, was mir dazu explizit im Grundgesetz einfällt. Den würde ich mir aber gerne für den 3. Weltkrieg aufheben.
"Nach wie vor gilt: das Tragen von Schutzmasken im Alltag ist sinnlos." - lemmi (21.03.20)

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Wenn dir kein Testing-Regime wie in Vo vorschwebt, dann musst du aber erklären wie man mit einer Stichprobe von 100.000 Deutschen den exponentiellen Trend brechen soll. Das leuchtet mir nicht ein.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ich hab nie behauptet, mit Tests die Kurve senken zu können. Warum ich einen Überblick über die tatsächlich Infizierten will, hatte ich hier erklärt.
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Habe ich das richtig verstanden, du möchtest die ohnehin schon zu knappen Testkapazitäten noch zusätzlich belasten und wertvolle Zeit vergeuden um damit zu eruieren wie verantwortungslos das nun genau war? Ich glaube ich bin sehr froh, dass unser RKI die Tests nicht für fast wertlose Versuche opfert, die uns nur sagen, ob wir schlimm oder sehr schlimm versagt haben. :P Das können wir wohl besser später irgendwann nachholen wenn es realistisch ist, über eine Beendigung des Lockdowns nachzudenken.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ne, das hast du falsch verstanden. Ich hab gesagt, mit Geld kann man alles machen. Auch die Testkapazitäten erhöhen.

Mich interessiert auch nicht, wie sehr wir "versagt" haben. Ich will valide Daten haben. Das empfiehlt übrigens auch die WHO. Die fordert nämlich - Zitat "Testen, testen, testen!". Aber gut, dass du besser weißt, wann wir testen sollten. Vielleicht meinte die WHO ja tatsächlich "irgendwann mal". Könnte ja sein. :P
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Die WHO empfiehlt aber eben die Tests so zu verwenden wie das RKI das macht, eben um Infizierte zu finden und Infektionsketten aufzuspüren. Die WHO möchte, dass es genau so gemacht wird, wie wir das auch tun, möglichst immer mehr Testkapazitäten hochzufahren. Das Problem ist, dass wir mit dem Testen nicht hinterherkommen, auch ohne zusätzliche, fragwürdige Versuchsreihen. Wie man diese Lage jetzt bessern soll indem man irgendwelche nicht relevanten Parameter mittels Stichproben ermittelt, leuchtet mir nicht ein.
Wieso auf einmal Tests aus Geldmitteln entstehen sollten, verstehe ich auch nicht, siehe obige Rechnung. 17 Mrd. Euro sind ein Witz verglichen mit dem volkswirtschaftlichen Schaden, den wir jetzt schon erleiden mussten. Also entweder man kann mit Geld eben doch nicht kaufen, was gar nicht da ist und wofür auch keine Produktionskapazitäten existieren, oder unsere GroKo schädigt auf einmal gerne die heimische Wirtschaft. Das passt aber nicht wirklich zu meinem Bild von lobbyistisch getriebener Politik.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ja, dein erster Satz stimmt.

Was du mir noch nicht beantwortet hast, ist die Frage, ob du das Erreichen aller drei deiner genannten Kriterien für nötig hältst, um die Grundrechtsbeschränkungen lockern zu können. Du hast lediglich gesagt, dass die "Trendumkehr" nach deiner Einschätzung nach einigen Wochen passieren dürfte. Wenn das wirklich so ist, heißt das auch, dass die täglichen Fallzahlen ebenfalls noch einige Wochen steigen werden.

Sehr positiv angenommen, wir rattern noch 1 Woche nach oben mit steigenden Fallzahlen und erreichen (sehr vorsichtig geschätzt) 6000 Neuinfektionen pro Tag. Dann wäre die absolut sichere Trendumkehr erreicht, wenn die Neuinfektionen über weitere vielleicht 2-4 Wochen sich erneut halbieren auf ca. 3000.

Bei so einer gigantischen täglichen Fallzahl wäre aber noch lange nicht die Nachvollziehbarkeit der Ansteckungswege gegeben. Ich hatte geschätzt, dass dies erst bei höchstens 10 Neuinfektionen pro Tag überhaupt denkbar ist (wie in der Anfangsphase der Epidemie). Was glaubst du denn, wie viele Monate das dauern würde?

Ich glaube, dass das im utopischen Fall Monate dauern wird und im realistischen Fall überhaupt nicht erreichbar ist.

Demnach müssten die Grundrechtseinschränkungen noch Monate oder gar 1 Jahr anhalten. Hältst du das für sinnvoll und machbar und überlebbar für eine Gesellschaft? Ich nicht.
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Die scharfe Form des landesweiten Lockdowns ist nicht lange durchzuhalten, ein Jahr ist viel zu viel. Realistisch gesehen kann man die schärfsten Maßnahmen wohl nicht länger als einen Monat durchhalten. Dann muss man umschichten. Weniger Ausgangssperre, mehr freiwillige Distanzierung, wenn die dann wieder verfügbar sind vielleicht Masken insbesondere zum Fremdschutz, dazu mehr Tracking und breitere Testing-Regimes. Das ist alles nicht im Voraus ohne Weiteres planbar und nötig sind solche Prognosen erst recht nicht, insbesondere nicht von Unbeteiligten. Das Wichtigste dürfte sein, dass alle gut mitmachen und sich nicht mutwillig quer stellen, sondern aufpassen, was anliegt und was nicht. Es ist eben ein Notfall und kein Urlaubsprogramm.
Ich hoffe, dass bis dahin sehr viel mehr Schnelltests verfügbar sind, sodass man dann wenigstens jeden testen kann, der Symotome zeigt und wenn es nur leichte Symptome sind. Genau so hat die WHO das ja auch empfohlen, man muss möglichst viel auf Verdacht testen können. Zur Zeit schafft man es bei Symptomen und Kontaktverdacht. Daraus muss ein "oder" werden. Es würde aber alles sinnlos verpuffen wenn wir bis dahin keine reduzierten Raten haben, deswegen ist es wichtig, dass fast alle mitmachen, auch wenn das einen Monat Einschränkungen bedeutet. In Wuhan begann die Abriegelung am 23. Januar und am Ende des Februars lagen die täglichen Raten schon im unteren dreistelligen Bereich statt ihm höheren vierstelligen Bereich. Die hatten aber hoffentlich eine viel höhere Dunkelziffer als wir, sie waren ja viel schlechter vorbereitet. Wenn nach einem Monat noch keine große Besserung eingetreten ist, dann wird man wohl nicht um die Nutzung von Mobildaten herum kommen, außer man möchte eine zweite Welle riskieren. Das Problem an der Sache ist, ich kann dir nicht erlauben nach draußen zu gehen, ich kann nur sagen, wie ich die Lage einschätze. Ich werde meine Aktivitäten möglichst lange einschränken, weil die anderen Alternativen eben auch nicht rosig sind. Wenn du wenigstens ein bisschen mithelfen möchtest, dann setze deine Besuche wenigstens für einen Monat aus und zwar ab jetzt, das wäre sehr hilfreich und solidarisch. Bei einem Jahr stimme ich zu, da werden die meisten schwach werden, das ist inhuman und da ist es mir persönlich dann auch egal, ob Leute illegale Besuche machen, nach einem Monat ist das alles löchrig, aber jetzt muss man mal die Zähne zusammen beißen und wirklich jedem absagen, eigentlich muss es dann zu schaffen sein. Ich meine, wie soll es sich denn ausbreiten wenn fast keiner unterwegs ist?

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

zu meiner Handhabung der Kontaktreduktion: Ich werde das so machen dass ich täglich spzieren gehe, mich immer mit je einem Freund zu Spazierengehen treffe und mir Besuche in anderen Haushalten verkneife. Und mehr Telefonieren/what'sappen/skypen werde.

Ich möchte nochmal herausstellen, dass Daten sammeln in einer Epidemie mit einem neuen Erreger den Ereignissen zwangsweise immer hinterherläuft. Wenn man entscheiden muss, ob man einen lockdown verhängt, weiß man nie wie hoch die Sterblichkeit am Ende sein wird. Deswegen mein obiges Zitat! Die Forderung "erst wissen was vorliegt, belegen was am besten hilft, und dann entscheiden was man tut" ist ein Ideal, das in einer solchen Situation wie jetzt nicht zu erfüllen ist. Da muss man auf Vorerfahrungen (hier: aus der Zeit vor 100 Jahren!) und Modellrechungen zurückgreifen, die alle fehlerbehaftet sind.

In der jetzigen Situation ist die Entwicklung auch mit massenhaften Testungen - das logistisch hinzubekommen wäre, wie es immer so schön euphemistisch heißt, eine "Riesenherausforderung" - nicht aufzuhalten. Ausserdem sind wir sowieso schon weltweit mit den Testungen ganz vorne. Die Idee, nur Kranke zu isolieren und Gesunde frei 'rumlaufen zu lassen, ist auch so ein Ideal, das nicht erreichbar ist. Und jetzt in Deutschland schon gar nicht mehr.

Es laufen gerade mehrere "Feldversuche" weltweit! Wenn die abgeschlossen sind, werden wir den Effekt der Massnahmen besser beurteilen können. Kolumbien hat eine allgemeine Ausgangssprerre seit 5 Tagen! Die Leute dürfen hier - wie in Bayern - ihre Wohnung nur noch zum Einkaufen, für Arztbesuche oder um auf die Bank oder zur Apotheke zu gehen, verlassen. Als die totale Ausgangssperre verhängt wurde, gab es gerade mal ca. 150 positiv getestete Fälle. Nun sind die Strukturen hier nicht so gut wie in D-Land, so dass man getrost die maximale Dunkelziffer ansetzen und von tatsächlich 3000-5000 Infizierten ausgehen darf. Deswegen ist es richtig, dass der Versuchn einzelne Infizierte zu isolieren um einzelne Infektketten zu unterbrechen, gar nicht erst unternmommen wurde. Ich bin sehr gespannt, wie die Bilanz in 1/2 Jahr hier aussehen wird.
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ui, da hält sich einer an die Regeln und ist sogar noch strenger. ;-) Besuchen dürftest du andere Menschen nämlich in deinem Bundesland. Offenbar drückt das Corona-Virus bei euch mal eine Auge zu und springt nicht jeden an wie in meiner Gegend. Wie wärs, wenn wir unsere Rechte tauschen? Ich nehm das Besuchsrecht gerne an und du bekommst dafür von mir...hm...gar kein Recht. :mrgreen: Sorry, aber ich bin mit meinen Grundrechten gerade knapp bei Kasse.

@Xyrofl: Ich glaube nicht, dass China eine Blaupause für Europa sein kann. Europa ist weder eine Diktatur noch hat es eine Zentralregierung. Die Einflussmöglichkeiten sind deshalb stark begrenzt.

Solange wir in einer Demokratie leben, halte ich deine Wünsche nach vollster Kooperation der gesamten Bevölkerung für äußerst unrealistisch. Es gibt Leute, die entwickeln von Natur aus eine Art Anti-Haltung, wenn ihnen etwas aufgezwungen wird. Ich bin gerne mal solidarisch, aber Solidarität ist für mich immer freiwillig und auch verhältnismäßig. Ich fühle gerade keine Solidarität, wenn mir eine (von mir ohnehin ungeliebte) Bundeskanzlerin unter Strafandrohung sagt, wie ich mein privatestes Privatleben zu gestalten habe.

Ich bin übrigens Ossi und hab noch ein paar Jahre DDR miterlebt. Das Wort "Ausgangssperre" wurde meines Wissens aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Ossis durch "Ausgangsbeschränkungen" getauscht. Man kann die Vorbehalte einiger Leute im Osten als Befindlichkeit abtun oder man könnte sich fragen, ob Ossis sich nicht besser an eine Diktatur und die damit verbundenen Grundrechtseinschränkungen erinnern können als Wessis.
Xyrofl hat geschrieben:Ich meine, wie soll es sich denn ausbreiten wenn fast keiner unterwegs ist?
Och du, ich hab gehört, manche gehen tatsächlich noch vor die Tür zum Arbeiten, Essen kaufen und so schräge Sachen. Kann ich als Hartz4-Prepper auch nicht verstehen. Es wäre wirklich besser, wenn die ein bisschen solidarischer wären.
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Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Solange wir in einer Demokratie leben, halte ich deine Wünsche nach vollster Kooperation der gesamten Bevölkerung für äußerst unrealistisch.
Oh, das sehe ich genau andersherum. Eine Demokratie funktioniert nur wenn die Bürger eine gewisse Form von Verantwortungsgefühl mitbringen. Außerdem haben Demokratien anders als Diktaturen eine relativ offene Informationspolitik und man kann sich frei und konstruktiv über die Themen beraten. Die meisten sind ja an einem konstruktiven Dialog interessiert und wollen wissen, wie man sich und andere schützt. Wenn die Demokratie gesund ist, führt das dazu, dass gar nicht so viel Zwang nötig ist, damit sinnvolle Maßnahmen umgesetzt werden. Vielleicht hat unsere demokratische Gesellschaft ja auch Stärken und Demokratie ist weder ein schädlicher und komplett wertloser Fetisch noch ein Feigenblatt hinter dem man seinen Egoismus verbergen kann, sondern sinnvoll und hilfreich. Manche tun ja gerade so als wäre unser größtes Hemmnis, dass wir keine Diktatur haben. Ich bezweifle das, ich halte Diktaturen für große Bremser, da ihnen Machterhalt wichtiger ist als allgemein sinnvolle Lösungen.
Ich habe die Hoffnung, dass wir die jetzigen "Grundgesetzverletzungen" genauso gut überstehen werden wie die Homo-Ehe, die Bankenrettung und andere hochgradig gefährliche "Schandtaten wider die Verfassung" die sich am Ende als sinnig und gutartig herausgestellt haben.
Es gibt Leute, die entwickeln von Natur aus eine Art Anti-Haltung, wenn ihnen etwas aufgezwungen wird.
Ja aber doch nicht wenn es um Leben und Tod geht. Ist das nicht ein bisschen arg unvernünftig? Selbst wenn man Frau Merkel keinen Gefallen tun will - kann man es dann nicht einfach für seine Mitmenschen trotzdem machen, selbst wenn Frau Merkel es möchte? Das ist ja jetzt nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt für derartige Eitelkeiten... Letzten Endes werden es vermutlich 0,1% der Leute sein, die derart merkwürdig gepolt sind, dass sie den Ernst der Lage nach allem nicht verstehen und immer noch Belanglosigkeiten in den Fokus stellen, schätze ich.
Och du, ich hab gehört, manche gehen tatsächlich noch vor die Tür zum Arbeiten, Essen kaufen und so schräge Sachen. Kann ich als Hartz4-Prepper auch nicht verstehen. Es wäre wirklich besser, wenn die ein bisschen solidarischer wären.
Oder ein wenig ernsthafter, denn es ist ja so, dass sich an der Argumentation nichts ändert wenn man berücksichtigt, dass es einen gewissen Grundstock an Kontakten gibt. Dennoch hat das Virus dramatisch weniger Möglichkeiten sich auszubreiten und das muss rein logisch zu einer schnellen Schrumpfung der Infiziertenzahl führen.

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Hey Pok, danke für die Informationen! :D
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Uranylacetat
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Beitrag von Uranylacetat »

@lemmi,

das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland kennt nur ein vereinfachtes Gesetzgebungsverfahren, den Gesetzgebungsnotstand. Der Gemeinsame Ausschuss von Bundestag und Bundesrat ist im Verteidigungsfall als "Notparlament" zuständig.

Diese Situation liegt aber nicht vor. Die Grundrechte können temporär in bestimmten Gesetzen eingeschränkt werden. Eines davon ist aktuell das Infektionsschutzgesetz, wo Herr Spahn auch die "Smartphone-Ortung" für das RKI festschreiben wollte, die Rahmen des verkürzten Verfahrens nicht mehr enthalten ist, wenn ich richtig informiert bin - weil verfassungsrechtlich sehr bedenklich.

Dass die Bayern so vorgeprescht sind, liegt daran, dass deren Landesverfassung den "landesweiten Katastrophenfall" kennt. In anderen Bundesländern dürfen nur Landkreise, Städte und Gemeinden den Katastrophenfall als "Gebietskörperschaften" für ihr Gebiet verhängen und verkünden.

Und im übrigen habe ich als ehemaliger Verwaltungsangestellter im inneren Dienst eines Ordnungsamtes mitbekommen, wie wenig Katastrophenschutz- und Pandemie-Pläne aktualisiert und angepasst werden. Gestern kam auf frontal 21 ein Bericht, der darlegte, dass Wissenschaftler und RKI bereits 2012/2013 in einer Risikoanalyse vor einer vergleichbaren Situation wie heute warnten und erweiterte Kapazitäten für das Gesundheitssystem empfahlen. Passiert ist aber seither nichts....
"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

Alles ist Chemie, sofern man es nur "probiret". (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

„Dosis sola facit venenum.“ (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus 1493-1541)

"Wenn man es nur versucht, so geht´s; das heißt mitunter, doch nicht stets." (Wilhelm Busch 1832 -1908)

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Pok
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Beitrag von Pok »

Und das würde dann darauf hindeuten, dass der Staat in der Vorsorge sehr wohl verpennt hat und nun die Verantwortung auf die Bürger abschiebt.

@lemmi: gibt aber auch da Eischränkungen. Einfach täglich informieren und neue Regeln ausdrucken, mitnehmen und im Zweifel der kontrollierenden Person vorlegen. So wird es empfohlen. :roll:
Xyrofl hat geschrieben:
Pok hat geschrieben:Es gibt Leute, die entwickeln von Natur aus eine Art Anti-Haltung, wenn ihnen etwas aufgezwungen wird.

Ja aber doch nicht wenn es um Leben und Tod geht. Ist das nicht ein bisschen arg unvernünftig?
Wenn das der einzige Grund wäre, wäre das unvernünftig. Richtig. Aber es ist eine Realität. :!: Wenn deine Einschätzung mit den 0,1 % richtig wäre, dann müssten 99,9 % für ein Tempolimit sein. Ich denke, es ist absolut eindeutig, dass 99,9 % der Menschen eben gar nicht vernünftig sind. Ich fände es wichtig, von der Realität auszugehen (und nicht von Wunschdenken) und sich zu überlegen, wie man in einer Demokratie konstruktiv mit Unvernünftigen umgehen kann und nicht restriktiv. "Ich will aber" bewirkt da nämlich rein gar nix bzw. oft sogar das Gegenteil.
Xyrofl hat geschrieben:dass sie den Ernst der Lage nach allem nicht verstehen und immer noch Belanglosigkeiten in den Fokus stellen
Grundgesetz, geschlagene Frauen und Kinder, Suizide, vernichtete Existenzen, und, und, und. Keine Ahnung, wie dein Leben aussieht, aber du scheinst sehr privilegiert zu sein, wenn du das alles als "Belanglosigkeiten" bezeichnest - oder einfach nicht wahrhaben willst, dass hunderttausende oder sogar Millionen aufs Härteste in diesen Formen betroffen sind.

Meine Grundhaltung, die Toten in Kauf zu nehmen, hat sich durch Merkels Rede nicht verändert, also liegt das nicht an meiner Anti-Haltung. Ich bin kein Selbstmörder und auch kein Mörder, denn ich wäge vorher ab. Bei Ebola und derselben Infektionsrate würde ich die Maßnahmen weitgehend befürworten. Bei einer Todesrate wie der Grippe, aber einer 10-fach höheren Fallzahl (50 Mio.), gäb es am Ende 500.000 vorzeitige Tote mit einem Durchschnittsalter von ca. 80 Jahren. Das heißt für mich: diesen Menschen wurden einige Monate ihres letzten (oft bereits von Krankheit gezeichneten) Lebenssabschnitts genommen.

Auf 1 dieser Menschen kommen über 150 Überlebende, die sich dennoch einschränken sollen. Die Corona-Toten sterben nach meiner Einschätzung 3 Monate früher als sie ohnehin gestorben wären (Durchschnittsalter der Toten > 80 J.!). Die 150 müssen mindestens 2 Wochen ihr Leben massivst einschränken. Für mich persönlich bedeutet das ein Lebensqualitätverlust von ca. 50 %. Ich fühle mich so, als würde mein Leben (bei 2 Wochen der Maßnahmen) um 1 Woche gekürzt. Die Folge, wenn ich gar nichts täte, wäre, dass einem alten, meist kranken Menschen 0,6 Tage seines Lebens genommen werden (3 Monate durch 150). Mir wird 1 Woche genommen. Warum sollte ich das dulden? Für mich ist es keine Solidarität, mehr zu opfern, als man rettet.

Einfache Rechnung, die ich bisher nur geschätzt hatte bei der Entscheidung, ob ich die Maßnahmen hinnehme oder nicht. Aber es passt ja. Donald Volltrottel Trump hatte recht als er sagte "Die Behandlung ist schlimmer als das Problem". Und dabei verhalte ich mich nichtmal völlig rücksichtslos. Ich niese in den Ärmel und wasche mir regelmäßig die Hände. Damit verschärft sich das Verhältnis nochmal.

Egal wie unmenschlich, absurd, ignorant einem diese Rechnung vorkommen mag. Ich behaupte: unbewusst rechnen wir alle jeden Tag so. Weil es absolut Sinn macht, das zu tun. Beim Einkaufen, wenn wir nicht nachfragen, ob die Erdbeeren im Erdbeerjogurt "made in China" sind, wo Menschen durch Pestizide und härteste Arbeit früher sterben. Beim Bahnfahren, wenn wir mit der bloßen Hand den Türknopf drucken, wodurch ein anderer Grippe bekommt und stirbt. Beim Autofahren, wenn uns egal ist, dass durch Stickoxide tausende Menschen (vermutlich sogar die gesamte Bevölkerung!) früher stirbt.

Es kommt einzig und allein auf das Ausmaß verlorener Lebensjahre an. Und da gibt es kein "richtig" und kein "falsch". Jeder muss das selbst abwägen. Wenn das unsolidarisch sein soll, dann bist auch du unsolidarisch. Und zwar jeden Tag. Meiner Meinung nach sogar in der Summe noch viel, viel, viel mehr als ich es in diesem Fall hier bin.
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