zu SARS-CoV-2 und Covid-19

Hier kann wirklich alles besprochen werden.

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mgritsch
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Beitrag von mgritsch »

Pok hat geschrieben:@mgritsch: der Vergleich hinkt aber gewaltig. Mir ist keine Pistole mit 1000 oder 10.000 Kammern bekannt. Außerdem habe ich in deinem Gedankenspiel keinerlei Vorteil davon, wenn ich das Risiko eingehe. Du bietest mir ja nicht mal ein Schokoladeneis an. ;-)
Alternativangebot: eine große Box Smarties (genaue Anzahl unbekannt, irgendwas zwischen 1000 und 10000...), eines davon ist mit N-Lost gefüllt. Das Angebot: iss jeden Tag eines, und du darfst dafür für diesen Tag hinaus und deine Freiheit ausleben. Schokoeis gibt's gerne dazu! :) Besseres Angebot so? Und um den Faktor Mitmenschen und Weiterverbreitung mit einzubringen: jeder den du treffen möchtest, muss auch vorher ein Smartie aus dieser Box essen. Wirst du deiner Nichte eines geben?

Ohne damit angriffig werden zu wollen - aber ich orte in deiner Argumentation eine starke "ich-Bezogenheit". Meine Freiheit, mein Freundeskreis, meine Entscheidung... du bist da halt nicht alleine. Und die jetzt von demokratisch gewählten Vertretern in den demokratischen Gremien getroffenen Entscheidungen scheinen wohl sehr gut Mehrheitsfähig zu sein. Eines der Grundprinzipien der Demokratie - die Mehrheit entscheidet...

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ein Prinzip, dass dem von dir genannten Mehrheitsprinzip übergeordnet ist: die Politik muss sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Selbst 100 % Zustimmung in der Bevölkerung und 100 % Zustimmung im Parlament sind wertlos, wenn das nicht der Fall ist.

Dein Beispiel gefällt mir immer noch nicht. Das Risiko für mich zu sterben, ist bei Corona so hoch wie bei einer Grippe. Der Unterschied ist alleine, dass 10x mehr Menschen angesteckt werden könnten als bei einer Grippe, weil es noch keine Herdenimmunität gibt. Probier doch mal einen Smartie-Vergleich aufzustellen, der zu dieser Realität passt. ;-)

@Xyrofl: ich kenne den Unterschied zwischen Grippe und Corona. Aber Vergleiche sind erlaubt. Man kann z.B. wunderbar Äpfel mit Birnen vergleichen. Vergleich bedeutet ja nicht gleichsetzen, sondern (wie mein Lehrer immer sagte) Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausarbeiten.

Du stellst also 3 Kriterien auf. Das erste (Trendumkehr, weniger Infizierte pro Tag) finde ich schon extrem mutig. Es wäre nach aktuellem Stand bei ca. 3000 Neuinfizierten bereits erreicht, wenn diese langsam über z.B. 1 Woche weiter sinken auf 2500 pro Tag. Das letzte Kriterium finde ich dagegen gar nicht präzise. "Deutlich verlässlicher" ist nichts, worauf man einen festnageln kann. Nach meiner Einschätzung wären nachvollziehbare Infektionsketten erst wieder geben, wenn es pro Tag maximal (!) 10 Neuinfizierte gibt - und zwar auch bei unseren Nachbarländern (also ca. 10 pro Land)! Willst du nun also alle 3 Kriterien erfüllt sehen oder nur 2 oder 1? Im Falle von allen 3 wäre die Gefahr wohl erst gebannt, wenn ein Impfstoff vorhanden ist, also nach 1 Jahr. Und was schätzt du?

Ich bringe die Grippe deshalb ins Spiel, da sie ein Beispiel dafür ist, wie wir normalerweise mit tödlichen Krankheitswellen umgehen. Wenn es um das Prinzip des Grundgesetzes "Verhältnismäßigkeit" geht, brauchen wir irgendeinen Fixpunkt. Was ist "normal" und was ist "unnormal". Warum ist Corona unnormal? Um das zu entscheiden, sehe ich keinen anderen Weg, als Corona mit der Grippe zu vergleichen. Corona ist unnormal. Aber doch hauptsächlich deshalb, weil nicht 5, sondern 50 Millionen Infizierte drohen. Corona könnte Normalität werden, wenn es gelänge, die Zahl der Infizierten auf 5 Mio. zu drücken. Und dafür wären pro Tag Anstiegsraten von 15.000 Neuinfizierten tolerabel.

Was ist falsch an dieser Rechnung? Sie würde übrigens langfristig dein 1. Kriterium erfüllen (keine Steigerung der Neuinfizierten mehr). Das erkenne ich somit sogar an.
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mgritsch
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Beitrag von mgritsch »

Pok hat geschrieben:Ein Prinzip, dass dem von dir genannten Mehrheitsprinzip übergeordnet ist: die Politik muss sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Selbst 100 % Zustimmung in der Bevölkerung und 100 % Zustimmung im Parlament sind wertlos, wenn das nicht der Fall ist.
ich denke da wäre es auch wichtig Fakt ("es ist verfassungswidrig oder nicht") vor angedeutete Einzelmeinung zu stellen. Bisher gibt es noch keine mir bekannten namhaften Stimmern (zB aus dem Kreis der Verfassungsrichter) die dazu Bedenken geäußert hätten oder dass gar ein Verfahren anhängig oder so was entschieden wäre. Bis das nicht der Fall ist ist der Einwand zwar grundsätzlich korrekt, aber indem Zusammenhang eher eine Fußnote denn ein diskutierbares Argument. Es steht dir aber gerne der Rechtsweg offen, eine Verfassungsbeschwerde einzubringen :) (was vermutlich mehr bringt als hier zu diskutieren)
Dein Beispiel gefällt mir immer noch nicht. Das Risiko für mich zu sterben, ist bei Corona so hoch wie bei einer Grippe. Der Unterschied ist alleine, dass 10x mehr Menschen angesteckt werden könnten als bei einer Grippe, weil es noch keine Herdenimmunität gibt. Probier doch mal einen Smartie-Vergleich aufzustellen, der zu dieser Realität passt. ;-)
Ich verstehen den Zusammenhang mit der Grippe hier nicht, von daher sehe ich auch nicht wie man den Vergleich anpassen müsste/könnte um diesen Haken den du da schlägst einzubauen. Ehrlich gesagt glaube ich auch dass dir kein wie auch immer gearteter Vergleich gefallen würde. Aber wie das so ist mit den Vergleichen, selbst wenn sie hinken... und wie du selber sagtest - Äpfel und Birnen... würdest du? auch deiner Nichte? Die Frage um die es geht ist ja nicht die mathematischer Details sondern die Grundsatzfrage wie man mit einem endlich kleinen Risiko umgeht.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Ich glaub, man muss gar keinen Vergleich bemühen. Die Zahlen sprechen für sich. Der Zusammenhang mit der Grippe ist: ob ich an Corona erkranke oder an Grippe: es macht für mein Sterblichkeitsrisiko keinen Unterschied.

Wenn ich mein bisheriges Leben nicht wegen der Grippe eingeschränkt habe, tue ich das auch wegen Corona nicht. So gehe ich mit einem endlich kleinen Risiko um.

Und zum Grundgesetz: das wird nicht nur vor Gerichten verteidigt. Ich stehe zu meiner Verfassung jeden Tag.
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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Ich finde es nicht zweckmäßig zu verlangen, dass eine quantifizierbare Größe zur Bedingung einer Einschränkung der Grundrechte herangezogen werden muss. "Verhältnismäßig" bedeutet nicht "ab einer bestimmten Zahl". "Verhältnismäßig" bedeutet: Abwägen von Werten und dies im Rahmen einer unvermeidlichen Grauzone und Unsicherheit.

Es geht nicht um die Anzahl der Covid-19-Todesfälle oder das Streblichkeitsrisiko. Für mich ist die entscheidene Gefahr der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, der andere gravierende Folgen hat, auch für nicht Covid-19-Kranke. Das ist eine reale Gefahr und der Zusammenbruch kommt selbst dann zustande, wenn die Zahl der Covid-19 Toten die der Grippetoten nicht übersteigen würde, und zwar dadurch, dass die selbe Zahl von Schwerkranken sich nicht über 4-5 Monate verteilt sondern über 3-4 Wochen. Das ist das, was wir in Italien und Spanien derzeit sehen. In Deutschland ist es vorraussichtlich in 1-2 Wochen soweit, wenn es nicht gelingt, die Entwicklung zu verlangsamen. Das Ziel, so etwas zu verhindern ist meiner Meinung nach ausreichend, um eine vorübergehende, relative Einschränkung der Bewegungsfreiheit und des öffentlichen Lebens etc. zu rechtfertigen. Wei schon gesagt besteht ja keine Isolation und keine Ausgangssperre: wir können sehr gut miteinander kommunizieren und wird dürfen uns im Freien bewegen.

Ich finde es gut, dass die Massnahmen juristisch hinterfragt werden! Das ist das was ich von einem demokratischen Staat erwarte, das so etwas geschieht, erlaubt und möglich ist.

Weiß eigentlich jemand, welche Grundgesetzartikel auf die jetzige Situation zutreffen? Ich habe sie bei einer eigenen Durchsicht nicht ausmachen können.

Ich bin sicher, dass die Grundrechtseinschränkungen nicht 1 Jahr nötig sein werden. Bis zur Entwicklung eines Impftoffes muss nicht gewartet werden. Vorher wird die Welle abflauen und wir werden dann weiter eine konstante Zahl von Neuinfektionen über einen längeren Zeitraum haben, so wie bei der saisonalen Grippe. Dann kann man Gefährdete schützen oder Erkrankte im Rahmen des normalen Medizinbetriebs behandeln. Und wenn ein Impfstoff verfügbar ist werden die Risikokgruppen zuerst, und alle anderen vielleicht danach auch noch, geimpft.
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie gesehen haben." (Alexander v. Humboldt, 1769 - 1859)

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Trendumkehr wäre erreicht wenn wir den neuen Trend statistisch signifikant sehen würden. Davon sind wir noch lange entfernt. Das was wir jetzt sehen ist eine bloße Spekulation, das könnte Rauschen sein, denn wir hatten einen ähnlichen Effekt vor einer Woche auch schon, da war eine kleine Delle zu sehen. Bis wir es genauer wissen, dürften jedoch bloß Wochen, nicht Monate vergehen. Die Ansteckungsrate ist direkt mit der Nachverfolgbarkeit der Infektionsketten verknüpft. Gibt es mehr Infektionen als wir täglich testen können, verlieren wir alles aus den Augen, das wäre ohne Eingrenzung nach wenigen Wochen der Fall, ab da wäre es hoffnungslos. Das müssen wir dringend verhindern und das ist zusammen mit dem Schutz des Gesundheitssystems der primäre Sinn des Lockdowns. In aller Schärfe und mit echten Ausgangssperren wird man den sicher kein Jahr aufrecht erhalten wollen, das wäre hochgradig absurd.

Covid19 ist eine pandemische Zoonose. Saisonale Influenza ist endemisch und eine gut verstandene, humane Krankheit. Der Vergleich sagt mir, sie haben nichts gemein. Die Lethalität von Covid19 könnte letzten Endes 0,1% - 0,5% wie bei normaler Grippe betragen. Sie kann aber auch viel höher liegen. 1% bis 3,4% liegen auch im Rahmen und ganz ohne medizinische Versorgung... Wir wissen es einfach nicht. Der Vergleich mit der normalen Grippe und Erkältungen sagt mir, dass wir extrem vorsichtig sein müssen, denn wenn die schon Zigtausende töten könnten, dann sollte leicht verständlich werden, dass hier vielleicht auch Millionen auf dem Spiel stehen. Es ist ja noch gar nichts klar.

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

Sehe ich auch so, bis auf einen Aspekt: die nachverfolgbaren Infektketten sind nur noch ein kleiner Teil der Entwicklung. Es gibt mit 100%iger Sicherheit schon jetzt viel mehr Infektionen als wir testen (Dunkelziffer schätzt das RKI auf das 10-20 fache der bekannten Zahlen ein), ja viel mehr als symptomatisch sind (geschätzt 85% asymptomatisch, siehe oben). Gerade deshalb ist der allgemeine "shutdown" so wichtig, weil man eben nicht mehr einzelne Infektionsherde isolieren kann, sondern eigentlich alle unter Infektionsverdacht oder -Gefahr stehen. Wegen der raschen Durchseuchung nehme ich an, dass die Krankheitslast von selbst zurückgehen wird und zwar noch vor dem Herbst und damit lange vor der Marktreife eines Impfstoffes.
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Pok
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Beitrag von Pok »

Das heißt: bis Herbst diese Einschränkungen hinnehmen?
lemmi hat geschrieben:Ich finde es nicht zweckmäßig zu verlangen, dass eine quantifizierbare Größe zur Bedingung einer Einschränkung der Grundrechte herangezogen werden muss. [...] "Verhältnismäßig" bedeutet: Abwägen von Werten und dies im Rahmen einer unvermeidlichen Grauzone und Unsicherheit.
Vielleicht hast du Recht.
lemmi hat geschrieben:Das Ziel, so etwas zu verhindern ist meiner Meinung nach ausreichend, um eine vorübergehende, relative Einschränkung der Bewegungsfreiheit und des öffentlichen Lebens etc. zu rechtfertigen.
Meiner Meinung nach nicht. Der Staat muss m.W. erst sämtliche andere Mittel ausschöpfen, bevor er Grundrechte einschränken darf. Das würde z.B. bedeuten, Unsummen alleine in Tests zu stecken.
lemmi hat geschrieben:Wei schon gesagt besteht ja keine Isolation und keine Ausgangssperre: wir können sehr gut miteinander kommunizieren und wird dürfen uns im Freien bewegen.
Es fällt fast schon leichter aufzuzählen, was noch erlaubt ist, als aufzuzählen, was alles verboten ist. Meine Liste an beschnittenen Grundrechten ist jedenfalls länger.
lemmi hat geschrieben:Weiß eigentlich jemand, welche Grundgesetzartikel auf die jetzige Situation zutreffen?
Ergibt sich aus den Grundrechten selbst und aus Art. 20 GG, soweit ich das hier richtig vestehe.

@Xyrofl: wir tappen nicht im Dunklen. Schließlich gibt es "abgeschlossene" Fälle von etlichen Regionen in China. Wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet ist, dann ist die Fallsterblichkeit vergleichbar mit der der Grippe. Und selbst wenn es wahr wäre, was du sagst, dann wäre es unendlich hilfreich, wenn es stichprobenartige Massentests gäbe. Bevor die Grundrechte auf "Gut Glück" eingeschränkt werden, will ich wissen, wie groß das Risiko ist. So einfach könnte man die Zahlen bekommen, die man benötigt, um verantwortungsvoll zu entscheiden, ob und wenn ja, welche Grundrechte wie stark beschnitten werden und ob nicht andere Maßnahmen effektiver wären. Es reicht mir nämlich nicht, wenn man mit "gesundem Menschenverstand" recht willkürliche Maßnahmen (1000 -> 100 -> 2 Menschen, nur im Freien kontrollierbar) zum "social distancing" unter Strafandrohung zur Pflicht macht.

Solange der Staat weder eine ordentliche Risikobewertung, etwa durch Massentests, macht, noch anderweitige Optionen ernsthaft prüft (wie z.B. freiwillige Bewegungsbeschränkungen für Risikogruppen), empfinde ich die Maßnahmen als politische Bequemlichkeit.
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Pok
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Beitrag von Pok »

@Uranylacetat: wie fühlst du dich, wenn ich vorschlage, dass Risikopersonen wie du doch einfach freiwillig in Isolation gehen könnten? Fühlst du dich ausgeschlossen von der Gemeinschaft? Empfindest du die aktuelle Situation, wo auch alle Nicht-Risikopersonen sich drastisch einschränken, demgegenüber als eine Form von Solidarität?
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Glaskocher
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Beitrag von Glaskocher »

Das Problem ist, daß die "Nichtrisikogruppen" am beweglichsten sind. Sie verbreiten (oft unwissentlich) die Erkrankung. Wie will man dann die Risikogruppen so isolieren, daß sie nicht infiziert werden? Das (meist junge) Personal von Pflegediensten und Seniorenheimen gleich mit kasernieren? Was ist mit den Angehörigen der Risikogruppen, die bei deren Pflege und Versorgung mithelfen? Auch kasernieren? Wie behandelt man Lieferanten und Dienstleister? Was ist mit Ärzten und Therapeuten, Ehrenamtlichen Helfern und anderen Unterstützern? Alle fernhalten? Kann man überhaupt die Gesellschaft in nur zwei Gruppen teilen, die strikt voneinender zu trennen sind? Vermutlich geht das nicht!

Wie willst Du beide Gruppen trennen und was ist, wenn junge Leute keine Infektion wollen?

Fragen über Fragen... Mir ist auch der eigene Bauchnabel am nächsten. Aber ich versuche, so gut es geht, die Infektionsketten zumindest schmal zu halten und gehe nur selten und ohne Begleitung raus. Ich tue das, in der Hoffnung auf ausreichend viele vernünftige Mitmenschen, um die Risikogruppen zu schützen. In diesen Gruppen leben viele Menschen, die mir lieb und wert sind. Klar ist es viel schöner, bei einem kühlen sonnigen Wetter mit Freunden zusammen zu sein. Aber wer garantiert mir, daß ich nicht dann unwissentlich zum Überträger auf empfindlichere Personen werde, die Es dann richtig böse erwischt und knapp an der beidseitigen Lungenentzündung vorbei geschrammt sind. Ich muß auch auf die Gesundheit von älterten Kollegen und Vorgesetzten achten, damit wir auch zukünftig, wenn der Lehrbetrieb wieder anläuft, unsere Aufgaben warnehmen können. Da muß man halt auf virtuelle Formen der Zusammenkunft (Telefonie, Videofonie, ...) ausweichen.

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mgritsch
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Beitrag von mgritsch »

Mal einen Schritt weg von der Theorie.
Die ganze Familie der besten Freundin meiner Lebensgefährtin ist erkrankt, mit bisher „mittelstarken“ Symptomen (Husten, Atemnot, Fieber aber noch kein Fall für die Intensivstation). Getestet wurden sie nicht explizit, die Symptome sind zu eindeutig.
Frau, Mann, 2 Kinder im Volksschulalter, einer davon als Autist in einer sonderpädagogischen Einrichtung, sonst jung und kräftig, keine typische Risikogruppe.
Sie leben in Zürich, die Schweiz war relativ lahm mit Maßnahmen.
Wie der Weg der Infektion kam weiß natürlich keiner. Sein Arbeitsplatz? Ihrer? Schule?
Fakt ist: sie hatten keine Wahl, denn mangels einschlägiger Verordnung kann man nicht einfach selbst entscheiden zuhause zu bleiben.
Die Heftigkeit der Infektionsrate ist bemerkenswert, grippewellen haben bisher nicht so zugeschlagen. Wie heftig in ihrem Fall die Symptome noch werden wird man sehen.

Aber ich freue mich total dass du dein Recht auf Spaziergang genießen kannst.
Manchmal seid ihr mir echt zu akademisch...

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Das Problem an Massentests und all dem anderen, was man fordern aber für kein Geld der Welt kaufen kann, da es nicht vorhanden ist, ist doch einfach die simple Tatsache, dass es zu spät kommen wird, siehe Charts auf vorherigen Seiten. Auch wissenschaftlich fundierte Abschätzungen über die echte Letalität kämen viel zu spät. Man kann sich Werte googeln, die einem gut schmecken und sie sehr fulminant vertreten, was im Rahmen der Meinungsfreiheit auch erlaubt ist, aber das bleibt eben eine Privatmeinung. Medizinisch valide und belastbare Studien brauchen einige Zeit und wir haben nichts weniger als Zeit.
Lemmi hat mich gerade sehr richtig darauf hingewiesen, dass die echte Infektionsrate schon jetzt die Nachweiskapazitäten überragen könnte, da die leichten Infektionen unter dem Radar laufen. Vielleicht war ich zu optimistisch was die Testabdeckung in Deutschland angeht, diesen Fehler räume ich ein. Für andere Länder gilt das in erhöhtem Maße. Wir können gar nicht anders als erst einmal alles einzufrieren und dann langsam die Tests wieder aufzunehmen. Perspektivisch müssen wir auch auf Schnelltests und komplementäre Immuntests warten. Das alles geht am besten wenn man die exponentielle Phase einfriert. Eine andere Möglichkeit sehe ich gar nicht. Ich weiß gar nicht, ob etwas anderes ernsthaft machbar ist. Es kommt mir spekulativ und gefährlich vor. Man kann das theoretisch durchspielen, aber ich glaube nicht, dass es realistisch ist.

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Pok
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Beitrag von Pok »

Massentests kann man durchaus für Geld kaufen. Aktuell werden 160.000 Tests pro Woche gemacht. Warum sollte man nicht stichprobenartig die Bevölkerung durchscannen können? Man muss ja nicht 80 Mio. testen. 100.000 sollten ausreichen, um sich ein repräsentatives Bild zu machen. Das ist aktuell in 3-4 Tagen machbar. Durch Geld geht alles. Auch eine Verzehnfachung der Tests.

@mgritsch: sorry, aber was bitte war jetzt daran so schlimm? Eine Grippe oder Asthma ist ebenfalls unangenehm. Und meine Liste enthielt nicht nur das Wort "Spaziergang" (den ich ohnehin weiter machen kann). Akademisch und abgehoben finde ich die Diskussion hier oft. Von den Negativfolgen der Maßnahmen wird in den Medien z.T. sehr eindrücklich berichtet. Von einer Zunahme häuslicher Gewalt über ruinierte Betriebe und fristlose Entlassungen reicht das. Das sind keine Luxusprobleme. Der Hashtag #zuhausebleiben oder ähnliche Forderungen werden dagegen von Sascha Lobo als symptomatisch für "Abiturientendeutschland" bezeichnet.
"Nach wie vor gilt: das Tragen von Schutzmasken im Alltag ist sinnlos." - lemmi (21.03.20)

Xyrofl
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Beitrag von Xyrofl »

Durch Geld geht nur alles wofür sich ein Marktgleichgewicht finden lässt. Wie sind denn die Grenzkosten von einer Ware, die nicht in der geforderten Menge existiert? Für wie viel Geld kriege ich drei Tassen Kaffee wenn der Kaffee alle ist? Eine Angebotskurve kann ab einer bestimmten Maximalmenge auch vertikal verlaufen, zumindest im sogenannten "short run". Natürlich haben wir im ökonomischen "long run" genug Tests wenn wir genug Geld ausgeben. Aber hier gilt das was Keynes über derartige long-run Erwägungen gesagt hat auf eine sehr zynische Art und Weise "in the long run, we are all dead". Das galt in der großen Depression genauso wie jetzt in der Covid19-Krise. Geld alleine löst eben nicht alles.
Ich hege arge Zweifel, dass die Märkte uns hier weiter helfen können. Ich bin generell kein Freund von Markt-Überschätzung. Das beste was die Märkte bisher geschafft haben, war das Vernichten von Masken- und Desinfektionsbeständen durch sinnlose Hamsterkäufe. Jetzt einfach nur Geld auf das Problem zu werfen, wird vermutlich zu einer Verwässerung der Testqualitäten führen und ist eigentlich nichts anderes als eine Subvention von Ruchlosigkeit.

Ich glaube wir sollten uns mal ein wenig mit den ökonomischen Implikationen der Krise befassen. Die Vorstellung, dass hier finanzielle Kosten gescheut wurden erheitert mich, das wirkt sehr naiv, fast drollig. :D

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lemmi
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Beitrag von lemmi »

"Die wichtigsten Entscheidungen im Leben müssen immer auf der Basis unzureichnder Informationen gefällt werden"

Ich verstehe nicht, was eine "Massentestung" als alternative zum social distancing bringen soll? Das ändert am Verlauf der Epidemie doch nichts und der ist desaströs, wenn man nicht gegensteuert. Um verlässliche Daten zur Sterblichkeit zu erhalten müsste man lange warten und in der der Zwischenzeit pflanzt sich die Epidemie weiter fort. Ausserdem ist es mir egal ob am Ende die Sterblichkeit 4,2,1 oder 0,2 % ist, wenn zwischendrin das Gesundheitswesen kollabiert.
Explizit: auch wenn die letztendliche Sterblichkeit 0,1% oder kleiner sein sollte, sind Massnahmen um den kurzfristigen Anfall Schwerstkranker zu verhindern, meines Erachtens sinnvoll und berechtigt. Massentestung ist zum Erreichen dieses Ziels keine geeignete Massnahme.

@POK: die Punkte in dem von dir verlinkten Text zur Beurteilung der Verhältnismäßigkeit sehe ich alle erfüllt. Meine Frage bezog sich darauf, ob es im Grundgesetz Vorgaben für eine Seuchen- oder andere Notfallsituation gibt, die die Einschränkung von Grundrechten regelt.
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie gesehen haben." (Alexander v. Humboldt, 1769 - 1859)

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