SSL (?): an | aus

Bitte die Forenregeln und die Hinweise zu den Versuchen lesen!

Neue Antwort erstellen
Wenn nicht drin ist was draufsteht ...
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2240
Artikel: 52
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 52
Ich habe ein Problem mit der Identifizierung einer Substanz, offenbar eines Farbstoffes.

Kommt zwar selten vor, aber manchmal ist eben nicht das drin, was draufsteht. Ganz eindeutig bei diesem Gebinde:



Dimethylaminobenzaldehyd ist alles, aber nicht quietschorange. Da muss ein Fehler beim Befüllen passiert sein, vermutlich nicht beim Hersteller, sondern danach in der Apotheke. Es handelt sich um eine Reagenzienflasche von Merck zum DAB 7. Das legt es nahe, mal dort nachzuschlagen, welche Reagenzien noch mit "Dimethylamino" anfangen und zu der Verwechslung geführt haben können. Eigentlich findet sich nur ein Kandidat : p-Dimethylamino-azobenzol oder Methylgelb. Das ist ein lipophiler Indikator der im sauren rot und im neutralen bzw basischen gelb gefärbt ist.

Die ersten Tests scheinen in diese Richtung zu weisen. Dis Susbtanz löst sich gar nicht in Wasser und nur mäßig in Ethanol von 96%. Die ethanolische Lösung färbt sich in verdünnter Salzsäure tiefrot, in Natronlauge gelb und es tritt eine Trübung auf, weil sich der Farbstoff wieder ausscheidet.



Methylrot und Methylorange sind auch Dimethylaminoazobenzolabkömmlinge, allerdings ist ersteres als Feststoff tiefrot gefärbt und letzteres gut wasserlöslich. Hier habe ich Lösungen der drei Indikatoren und meiner Probe (ganz links) in Hydrogenphtalatpuffer von pH 4 gegeben:



Der Verdacht scheint sich zu verdichten. Die Färbung meiner Probe passt noch am ehesten zum Methylgelb, wenn sie auch nicht ganz gleich ist.

Dann habe ich DCs gemacht. Als Vergleichslösung hatte ich aber nur eine ältere Dimethylgelb-LÖösung (in Ethanol) zur Verfügung.
Hier die DC mit Dichlormethan als Laufmittel:



Von links nach rechts: Probelösung - Dimethylgelblösung - Methylrotlösung - Phenolrotlösung - MethylorangelösungPhenolrot und Methylorange laufen als hydrophile Stoffe gar nicht. Lustig ist das Methylrot, das zweimal zwei verschieden gefärbte Spots liefert. Vermutlich liegt eine Verunreinigung vor (schwache Zonen unter den jeweiligen Hauptzonen) und die unteren, roten Flecken sind einfach die protonierte Form der jeweiligen Substanzen.
Aber störend ist, daß der Rf-Wert meiner Probe nicht ganz mit der des Dimethylgelbs übereinstimmt! Also habe ich die DC wiederholt, diesmal mit Toluol als Laufmittel (v.l.n.R.: Dimethylgelblösung - Probelösung - Methylrotlösung)



Das Methylrot läuft fast gar nicht. Aber das Dimethylgelb läuft wieder auf einer deutlich anderen Höhe als meine Probensubstanz.

Was muss ich daraus folgern? Offenbar ist mein Kandidat doch kein Dimethylgelb - oder gibt es für das abweichende Verhalten in der DC eine andere Erklärung? Was könnte es sonst sein?

_________________
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen." (Joachim Kügler)
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von lemmi anzeigenPrivate Nachricht senden
Pok
Illumina-Mitglied

Anmeldedatum: 19.08.2013
Beiträge: 1066
Artikel: 30
Versuch doch mal, den Schmelzpunkt zu ermitteln. Vielleicht kann man da schon was ausschließen bzw. einen Verdacht erhärten. Und den genauen pH-Bereich, bei dem der Farbumschlag stattfindet. Ggf. auch mal richtig extrem sauer und extrem basisch machen, womit sich ggf. ein 2. Farbumschlag ergibt. Vielleich liegt die Abweichung zum Buttergelb ja auch an der (sehr?) alten Lösung, in der sich der Farbstoff irgendwie verändert hat.

Der Farbumschlag deutet ja m.E. schon sehr auf Azofarbstoff hin. Hier ist eine Liste, wo einige aufgeführt sind - allerdings oft ohne Schmelzpunkt usw. Und hier ist eine Ansicht von Indikatoren (auch weniger bekannten) mit ihrem Umschlagsbereich (zoom nutzen), welche offenbar auf dieser Quelle beruht. Da gibt es eine ganze Reihe von Farbstoffen, die von sauer zu basisch einen rot -> gelb Farbumschlag zeigen. Falls dein Stoff was NOCH exotischeres sein sollte, wäre es vermutlich schwer, das rauszufinden.
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von Pok anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 08.05.2011
Beiträge: 643
Artikel: 4
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Beim letzten DC mit den Proben Dimethylgelblösung - Probelösung - Methylrotlösung mit Toluol als Laufmittel....der erste Auftrag, warum ist unten ein pinker Fleck bei der Dimethylgelblösung? In Dichlormethan zeigt sich da nämlich keiner....



Bj68
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von BJ68 anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2240
Artikel: 52
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 52
Pok hat Folgendes geschrieben:
Vielleich liegt die Abweichung zum Buttergelb ja auch an der (sehr?) alten Lösung, in der sich der Farbstoff irgendwie verändert hat.
Habe ich auch überlegt, aber dann würde ich bei der Referenzlösung mindestens zwei Flecken erwarten, nämlich das Zersetzunngsprodukt und Reste der Originalsubstanz.

BJ68 hat Folgendes geschrieben:
Beim letzten DC mit den Proben Dimethylgelblösung - Probelösung - Methylrotlösung mit Toluol als Laufmittel....der erste Auftrag, warum ist unten ein pinker Fleck bei der Dimethylgelblösung?
Ich nehme an, das es dasselbe ist wie mit dem Methylrot ganz rechts: das rote ist die protonierte Form (polar, wandert in Toluol gar nicht) und das andere die deprotonierte Form. Warum das bei der DCM-DC nicht aufgetreten ist weiß ich nicht. Ob meine Referenzlösung CO2 aufgenommen haben kann?

Schmelzpunktbestimmung habe ich auch schon überlegt, werde ich mal probieren.
Ansonsten kann ich vorerst nur sagen, daß die Substanz kein Halogen enthält (Beilsteinprobe negativ).

_________________
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen." (Joachim Kügler)
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von lemmi anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2240
Artikel: 52
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 52
Mittlerweile hat sich die Frage nach der Identität des Farbstoffes aufgeklärt. Es handelt sich doch um Dimethylgelb!

Ich habe mir eine Referenzprobe authentisches 4-Dimethylaminoazobenzol, sowie eine weitere Lösung desselben nach DAB7 besorgt. Die folgende DC (Toluol als Laufmittel) zeigt v.l.n.r.: die Probensubstanz - Referenz Dimethylgelb - Dimethylgelblösung 1 - Dimethylgelblösung 2



Die Probe läuft genau auf der gleichen Höhe wie die Referenzsubstanz. Auch die fertige Dimethylgelblösung 2 (von ca. 1973) hat sich über die Jahrzehnte nicht verändert und besitzt den selben Rf. Aus dem Rahm fällt einzig meine als "Dimethylgelblösung DAB7" ettiketierte Probe, die ich oben als "Referenz" verwendet hatte. Sie zeigt nicht nur zwei Spots sondern auch einen anderen Rf-Wert. Es muss sich um einen anderen Farbstoff handeln. Vielleicht hatte sich die Lösung doch irgendwie zersetzt, obwohl sie auch nicht älter sein dürfte als die Lösung 2.

_________________
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen." (Joachim Kügler)
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von lemmi anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2240
Artikel: 52
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 52
Noch ein Befund aus der unübersichtlichen Welt der Farbstoffe. Bei Farbstoffen bevorzuge ich zur Identifizierung die C.I.-Nummer, weil die Namen unglaublich durcheinandergehen. Es liegen drei Gebinde "Sudanrot" vor, die folgende Aufschrift tragen:

Probe I = Sudan III (Sudanrot G) - Merck Reagenzien
Probe II = Sudan III - Fa. Roth
Probe III = Sudan Rot B (C.I. 26100) - Merck Reagenzien

Nach einigem Suchen habe ich Folgendes gefunden:

Sudan III heißt auch Sudan Rot B und hat die C.I.-Nummer 26100. Es wird vor allem zur Anfärbung von Fetten in der Mikroskopie benutzt und hat die Struktur

1-(4-phenylazo-phenylazo)-2-naphtol

Unter Sudanrot G wird folgende Substanz verstanden, die im Arzneibuch als DC-Referenzsubstanz geführt wird und die C.I.-Nummer 12150 hat :

1-(2-Methoxyphenylazo)-2-naphtol

Die Probe I ist verwirrend bezeichnet, weil Sudan III nicht Sudanrot G sondern Sundanrot B ist (eine C.I.-Nummer fehlt).
Laut dem Arzneibuch dürfen die Farbstoffe bei der DC mit Dichlormethan als Laufmittel nur einen Fleck geben. Für die Substanz III ist das auch der Fall, für die Substanz I schon weniger und Nr II scheint ein Gemsich aus III und einem weiteren Farbstoff zu sein.



In Toluol sieht das Chromatogramm dann aber so aus:



Auch die Probe III gibt zwei Spots. Damit ist zwar das Arzneibuchkriterium der Reinheit erfüllt (was bedeutet, daß der Stoff zu Prüfungen verwendet werden darf), rein ist die Substanz aber offenbar nicht Confused

_________________
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen." (Joachim Kügler)
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von lemmi anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 08.05.2011
Beiträge: 643
Artikel: 4
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
lemmi hat Folgendes geschrieben:

Sudan III heißt auch Sudan Rot B und hat die C.I.-Nummer 26100. Es wird vor allem zur Anfärbung von Fetten in der Mikroskopie benutzt und hat die Struktur


Sudan III ist bzw. war meines Wissens auch Bestandteil der Farbpatrone die Banken zum Sichern ihrer Geldbestände verwenden....dort wird es dann einfach mit einem Satz sublimiert und färbt alles dauerhaft ein inklusive Haut des Bösewichts.....


Bj68
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von BJ68 anzeigenPrivate Nachricht senden
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2240
Artikel: 52
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 52
Das Bundesministerium für Verbraucherschutz warnt: Flohmarktbesuche gefährden ihre Gesundheit! Wink

Heute erstand ich für 50 ct ein Reagenzglas (Verkäuferin ganz stolz: "Das ist aus einem echten Uni-Labor!") mit dem Ettikett "Drachenblut - Harzsteine". Drachenblut ist das getrocknete Harz verschiedener Pflanzen und wird als Räuchermittel verwendet. Das hatte ich noch nie gesehen, also nahm ich es mit.



Beim näheren Anschauen zu Hause kamen mir dann aber Zweifel. Der Inhalt des Röhrchens war für Drachenblutharz definitiv zu wenig dunkelrot. Blut soll ja rot sein. Ausserdem wirkte er über Gebühr kristallinisch. Harze können zwar muschelig splittern und an der Bruchstelle Glasglanz aufweisen - aber das hier ...



Mein Misstrauen wurde bestärkt, als ich eine Probe mit Wasser schüttelte. Prompt entstand eine klare, orangegelbe Lösung, was zu einem Harz gar nicht passt. Nach Zugabe von Schwefelsäure, Wasserstoffperoxid und Ausschütteln mit Ether bestätigte sich der Verdacht darauf, das hier ein Dichromat vorliegt:



Auch die übrigen Reaktionen passten genau. Hier: Farbwechsel gelb-orange in Abhängigkeit vom pH-Wert und Fällung von Chromgelb mit Blei(II)-acetatlösung:



Ammonium (mit MgO und rotem Lackmuspapier) und Natrium (mit Hexahydroxoantimonat) konnte ich nicht nachweisen. Dagegen war der Kaliumnachweis (mit Kalignost) positiv.

Das Röhrchen enthält also Kaliumdichromat! Gut, dass niemand es als Räuchermittel gekauft hat...

_________________
"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Wissenschaft ist das organisierte Töten von Vorurteilen." (Joachim Kügler)
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von lemmi anzeigenPrivate Nachricht senden
Illumina-Mitglied

Anmeldedatum: 18.07.2011
Beiträge: 11
Artikel: 0
chemische "Detektivarbeit" ist doch immer wieder was feines Smile Sind aber schöne große Dichromatkristalle, sieht man ja auch sonst eher nur als Pulver.

Nebenbei bemerkt gehe ich wohl immer nur auf die falschen Flohmärkte, da gibts es nur alte Schallplatten und olle Bügeleisen Confused Confused
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von JM_turbo anzeigenPrivate Nachricht senden
Illumina-Mitglied

Anmeldedatum: 08.08.2010
Beiträge: 889
Artikel: 4
Wohnort: Berlin-Pankow
Geschlecht: Geschlecht:Männlich
Alter: 56
Der "Sherlock Holms der Chemie in Action" ....

Auf Flohmärkten hast Du lemmi mehr Glück als ich! Wink Oder ich besuche die falschen....?!

_________________
"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

Alles ist Chemie, sofern man es nur "probiret". (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

„Dosis sola facit venenum.“ (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus 1493-1541)

"Member of IVNT e. V." http://ivntforum.phoerauf.de/
Benutzer-Profile anzeigenAlle Beiträge von Uranylacetat anzeigenPrivate Nachricht senden
Wenn nicht drin ist was draufsteht ...
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde  
Seite 1 von 1  



Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
  
   
  Neue Antwort erstellen