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W. Sneader: Drug Discovery - A History
IllumiNobel-Gewinner 2012

Anmeldedatum: 06.01.2012
Beiträge: 2507
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Drug Discovery – A History

Die Geschichte der Arzneimittel ist ein weites, ja endloses Feld. Dieses Buch beschränkt die Fülle des Stoffes auf die spannende Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass die heilendem Eigenschaften bestimmter Substanzen entdeckt und wie neue Medikamente entwickelt wurden. Aber auch so ist die Menge der Fakten überwältigend. Wie sollte man vorgehen, um hier einen Roten Faden zu legen, insbesondere, wenn das Buch allgemeinverständlich und gleichzeitig historisch akkurat und möglichst vollständig sein soll?

Walter Sneader, seines Zeichens langjähriger Leiter der pharmazeutischen Fakultät an der Universität Glasgow und prominenter Pharmaziehistoriker, hat einen Weg gewählt, der von einer historischen These ausgeht, der er schon in früheren Publikationen gefolgt ist. Der Rote Faden lautet: Medikamente werden ausgehend von bestimmten “Prototypen“ entwickelt. Irgendwo in der Geschichte der Menschheit wird eine arzneilich wirksame Substanz entdeckt und ausgehend davon werden, durch - mehr oder weniger richtige - theoretische Überlegungen, durch Intuition oder durch systematisches Experimentieren weitere Stoffe entwickelt. Daher ist das Buch nicht primär chronologisch aufgebaut und nicht an Krankheitsbildern orientiert. Sein Aufbau ist vielmehr chemisch-stofflich konzipiert. Zu jeder besprochenen Substanz findet sich die Strukturformel abgebildet.

Der der erste Teil, “Legacy of the Past“ entspricht noch am ehesten der klassischen Geschichtsschreibung. Er gibt einen zusammenfassenden Überblick über den Arzneimittelgebrauch in Arabien um das Jahr 1000, im antiken Rom und Griechenland bis hin zu den wenigen Zeugnissen steinzeitlicher Kulturen zu unserem Thema. Hier werden zum Beispiel die ältesten Belege zum Gebrauch von Pharmaka wie Alkohol, Opium und Cannabis beschrieben. Aber schon die Schlusskapitel dieses Teils, “Chemical Medicines“, das von Schwermetallverbindungen handelt, und “Systematic Medicine“, wo vom Übergang der frühneuzeitlichen Arzneimitteltheorien zur naturwissenschaftlichen Vorgehensweise an der Wende von 18. Zum 19. Jahrhundert die Rede ist, führen weit in die Gegenwart hinein. Ausgehend vom Gebrauch des Zinnobers im alten Rom wird beispielsweise über Paracelsus der Faden gesponnen zu den Organoquecksilberverbindungen des frühen 20. Jahrhunderts und gezeigt, wie diese zum Ausgangspunkt wurden für die Entwicklung der modernen Diuretika. Auch die Arsen- (Salvarsan!), Antimon- Eisen- und Platinverbindungen bis zum Chemotherapeutikum Cisplatin finden hier ihren Platz. Und von der Entdeckung des Nervensystems und der “Irritabilität“ des Organismus, welche im 18. Jahrhundert die Säftelehre der Antike ablöste, führt eine logische Entwicklung zu den ersten Inhalationsnarkosen (mit Diethylether, 1842) und zur modernen Anästhesie.

Teil zwei des Buches “Drugs from naturally ocurring Prototypes“, der umfangreichste, beschreibt die Entdeckung in der Natur vorkommender Wirkstoffe und ihre Weiterentwicklung durch entweder gezielte partialsynthetische Abwandlung oder aber als Modellsubstanz für die Synthese neuer Pharmaka. Einzelne Kapitel behandeln die Geschichte der Alkaloide, der verschiedenen Hormonklassen, der Vitamine, der Antibiotika und anderer von Mikroorganismen produzierter Substanzen bis hin zu Antimetaboliten und therapeutisch genutzten Enzymen (wie Urokinase oder rt-PA), Heparin, Interferonen und anderen körpereigenen Wirkstoffen.

Der dritte Teil “Synthetic Drugs“ zeichnet die Wege der Arzneimittelentwicklung der letzten 150 Jahre nach, die sich im Wesentlichen in den chemischen Laboratorien großer Forschungsinstitute abgespielt hat. Sneader zeigt auf, wie ausgehend von der Entdeckung, dass organische Farbstoffe bestimmte Mikroorganismen selektiv anfärben, ganze Klassen von Arzneistoffen entwickelt wurden, zum Beispiel die ehemals bedeutende Gruppe der Sulfonamidantibiotika. Ein anderer Ausgangspunkt war das systematische Screening organischer Substanzen auf pharmakologisch verwertbare Eigenschaften. Hier führt der Weg von den Antihistaminika über die Psychopharmaka zu den Antihypertensiva und Chemotherapeutika. Zwei spannende, leider etwas knappe, Kapitel beschreiben die Rolle der serendipity bei der Entdeckung und Entwicklung von Pharmaka, was sich im Deutschen nur etwas holprig mit “eine zufällig sich bietende Chance ergreifen“ ausdrücken lässt. Aber der Zufall hat bei vielen epochemachenden Entdeckungen Pate gestanden - man denke nur an das Penicillin - die in der Systematik des Buches an anderer Stelle abgehandelt werden.

So liegt ein ausgesprochen vielschichtiges Werk vor. Es ist erstaunlich vollständig – zu fast jedem modernen Arzneistoff findet der Leser etwas – wenngleich man dafür das gut ausgestattete Register zu Rate ziehen muss, da die Substanzen oft an unerwarteter Stelle abgehandelt sind. Die Fülle der Fakten ist beeindruckend. Das macht die Lektüre aber nur selten ein wenig trocken. Zudem wird man in vielen Kapiteln, in denen die Geschichte einzelner Medikamente spannend und detailreich beschrieben ist, reichlich entschädigt. Wer gut recherchiert die Geschichte des Aspirins, des Heroins, des Penicillins oder des Penicillins nachlesen möchte, ist hier richtig. Aber auch wer wissen möchte, wie die Betablocker, das Potenzmittel Sildenafil (Viagra®, die Protonenpumpeninhibitoren, die Zytostatika oder die Antidepressiva entwickelt wurden, bekommt historisch fundierte Antworten. In den sehr umfangreichen Literaturangaben findet der interessierte Leser reichlich weiterführendes Quellenmaterial.

Das Buch berücksichtigt die moderne Arzneimittelentwicklung etwa bis zum Jahr 2000 und steht somit ganz im Zeichen der klassischen pharmazeutischen Chemie. Nicht mehr enthalten ist das sich gegenwärtig expansiv erweiternde Feld der gentechnisch hergestellten biologicals, der monoklonalen Antikörper, der Kinaseinhibitoren (Imatinib wird noch erwähnt) und des computergestützen drug-design. In seinen “Concluding Remarks“ geht Walter Sneader kurz - und durchaus kritisch - auf dieses Thema ein. Er sieht mit Sorge, dass kaum noch neue “Prototypen“ von Medikamenten entdeckt werden, sondern durch computergetütztes Massenscreening von Verbindungen quasi die Nadel im Heuhaufen gesucht wird. Spätere Generationen werden die Geschichte der Arzneimittelentwicklung unserer Zeit schreiben müssen. Bis hierher ist Sneaders Buch sicher eines der besten, die es zu diesem Thema gibt.



Walter Sneader: Drug Discovery – A History; John Wiley & Sons Ltd. 2005,
ISBN-10 0-471-89979-8 (hardcover) und 0-471-89980-1 (paperback);
468 Seiten in englischer Sprache;
Preis 89,97 £ (hc) bzw. 53,55 £ (pb)

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"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

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Klingt ja sehr interessant, vielleicht hole ich mir das Buch! Smile

Wer an tieferem Fachwissen der neusten computergestützten Methoden und Screenings bzw. allgemein an medizinischer Chemie interessiert ist, dem empfehle ich "Wirkstoffdesign" von K. Klebe, das zwar eigentlich ein Lehrbuch darstellt, meiner Meinung nach aber recht anekdotisch geschrieben ist und daher auch leichter lesbar wird.
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W. Sneader: Drug Discovery - A History
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