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Restauration eines Abbe-Refraktometers
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Nach längerer Abwesenheit habe ich mich dazu entschlossen, mal ein lange schon fertiges Projekt hier vorzustellen. Vor etwa einem Jahr habe ich in der Bucht ein Abbe-Refraktometer Typ G von Zeiss geschossen, dazu allerlei Zubehör in einem kleinen Kasten. Ein baugleiches steht bei uns an der Uni im Praktikumssaal der Physikalichen Chemie rum und ist auch noch in Benutzung, und ich war von der Funktionsweise so begeistert, dass diese Anschaffung sein musste. Als es dann bei mir ankam, sah ich, dass da mehr zu machen war als nur ein bisschen Staub von den Linsen zu kratzen, obwohl das auch notwenig war, denn ich sah rein garnichts.

Außerordentlich hilfreich bei meinem Vorhaben war diese Seite eines Niederländers, der ein baugleiches Refraktometer aufgebaut hat. Seine Ausführungen zur Funktionsweise sind weitgehend komplett, weshalb ich hier darauf verweise.

Zunächst aber erstmal der augenscheinlich gute Fundzustand von oben



und als Detailaufnahme von der Seite



Zu sehen sind der Beleuchtungsspiegel, das temperierbare Messprisma und das Rad zum Einstellen der Dispersionskompensatoren. Als ich dieses drehen wollte, stellte es sich mir mit einem unerwartet hohen Drehmoment entgegen, sodass ich das meinige erhöhte. Das führte dann zum ersten Teil, dass ich neu beschaffen musste, nämlich ein Kegelrad, welches seine Zähne eingebüßt hatte (wer macht sowas aus Plaste?). Aber dazu später mehr, wir wollen der Reihe nach vorgehen.

Als nächstes folgte eine Komplettzerlegung in alle Einzelteile (das mache ich immer, um einerseits alles zu überprüfen und andererseits dazu, das Gerät zu verstehen), beginnend mit den Okulartürmen





Zu sehen ist hier schon eines der Amici-Geradsichtprismen.

Der erste wahre Schock erreichte mich dann, als ich das Gehäuse öffnete:





Es sah so aus, als ob da mal Hochwasser drinnen stand, und wo der Rost herkommt ist mir auch schleierhaft, da das Gehäuse aus Aluminium gefertigt ist. Glücklicherweise war die Mikroskala davon nicht betroffen, da diese noch ein Deckglas, welches mit Kanadabalsam verklebt ist, besitzt. Das lässt Wasser nicht durch.

Nach meiner exzessiven Zerlegungsorgie blieb nicht mehr viel übrig:



Nachdem alles, was zu reinigen war, gereinigt war, ging es an Reparaturen. Dazu musste der Kompensationsapparat demontiert werden





Zu sehen ist hier eines der Prismen in seiner drehbaren Lagerung, ein baugleiches ist anders herum am anderen Ende der schwarzen Hülse angebracht. Beide werden vom oben erwähnten Zahnrad gegensinnig gedreht, sodass die Prismen die Dispersion kompensieren können. Diese Zahnräder waren von altem, verharzen Öl benetzt, welches zunächst komplett entfernt werden musste. Dazu eignete sich Chloroform ausgezeichnet. Ich glaube, für alle Reinigungsarbeiten habe ich bestimmt fast 200 ml davon benötigt. Aber das nur am Rande.

Um das zweite Prisma ebenfalls auszubauen musste eine sehr feste Schraube gelöst werden (der Ring mit den beiden Löchern):



Dass meine Versuche anfangs nicht von Erfolg gekrönt waren, ist an den Abrutschspuren am oberen Loch ersichtlich. Auch das Festhalten war irgendwann problematisch, da das große Feingewinde, welches die Abdeckung trägt, irgendwann einschneidend auf meine Hand wirkte, sodass ich mehrere flache, aber lange Schnitte hatte. Aber Dank WD-40 (wirklich super Zeug!) hat es dann irgendwann aufgegeben



Das erwähnte Zahnrad hatte es nicht so gut





und musste komplett ausgetaucht werden. Ich habe einen Uhrmacher kontaktiert (getreu dem Motto: Support your local dealer!), und der sagte nur "Ja, kann ich nachfertigen, aber den Preis wollen sie nicht wissen". Ich wollte doch, und er wollte für zwei Zahnräder insgesamt Eintausend (!) Euro. Ob das ernst gemeint war oder er nur keine Lust auf solche kleinen Pampelarbeiten hatte, weiß ich bis heute nicht. Glücklicherweise ist dieses Kegelrad standardisiert, sodass ich davon zwei Exemplare aus Stahl bei eBay für drei Euro erworben habe. Ich musste lediglich die Aufnahme aufbohren, das alte Zahnrad entfernen und das neue einlöten. Nachdem ich also 997 Euro gespart habe, ging es weiter mit den Prismen. Die originale Halterung aus Kork war zu morsch, als dass ich sie nochmals hätte benutzen können. Der Idee von Dushan Grujich folgend, zerschnitt ich ein Stück Silikonschlauch und benutzte diese Streifen als Halterung. Das sitzt perfekt und ist hier zu sehen:



Und auch der Sichttest zeigt schon den gewünschten Regenbogen-Effekt:





(Und ja, ich esse gern sinnlos Süßigkeiten bei solchen Arbeiten Very Happy )

Dann kam der Prismenblock an die Reihe



Der ist intakt, aber wahrscheinlich leicht verschmutzt, weshalb ich ihn aufschraubte:



Leider ging die andere Seite nicht auf, da in der Mitte eine große Hohlschraube vorhanden ist, die zur direkten Beleuchtung des Prismas dient, indem eine Lampe eingesteckt wird. Diese ist derart fest, dass ich es dann aufgegeben habe, um nichts zu zerstören.

Dann gab es noch ein Problem, nämlich die Okulare. Wie oben erwähnt waren die sehr verdreckt. Da ich nicht wusste, wie diese genau aufgebaut waren, habe ich mich an einen Optiker gewandt. Der hatte zunächst auch keine Ahnung, aber hat bei Zeiss angerufen und mit Mitarbeitern gesprochen, die aber auch keine Ahnung hatten. Aber dass er so herumtelefoniert hat, finde ich dennoch gut! Er hatte etwas, was der Uhrmacher nicht hatte: Engagement.

Wieder zu Hause habe ich einfach beherzt gedreht und siehe da, es ward locker:



Man beachte den grünen Schlonz, welcher aus verharztem Fett und Grünspan besteht.

Nachdem dann alles wieder sauber war, folgte der erste Test mit Wasser, der für mich wirklich ein großartiger Moment war! Zunächst durch das Prisma:



Und dann durch die Skala:



Und verstellt man den Kompensator, sieht man bunte Farben (woher kommt mir das nur bekannt vor?):





Zum Justieren musste ich das Gerät dann noch auf 20 °C temperiert und mit Reinstwasser beschickt werden. Der kleine Vierkant, der bei mir glücklicherweise noch mit dabei war, verschiebt dann eine Linse, sodass die Skala dorthin rückt, wo man sie haben möchte.



Und so sieht das Gesamtkunstwerk aus:



Bald kommt noch ein Refraktometer von Zeiss aus dem Jahre 1943 an, dessen Aufbau werde ich auch dokumentieren und hier hochladen.
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NI2
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Sehr toll! Ein baugleiches Refraktometer steht natürlich auch bei uns in der OC Mr. Green

Bin Gespannt was bei dem anderen herauskommt. Viel Erfolg!

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Super, das ist ein sehr interessanter Erfahrungsbericht! Sowas könnte man öfters gebrauchen!

Ich hab nämlich auch schon festgestellt, dass einen bei gebrauchten Laborgeräten oft viiieeeel mehr Arbeitsaufwand erwartet, als man auf den ersten Bilck glauben mag!
Vor allem bei alten Geräten, wo man eben nicht problemlos die Bedienungsanleitung im Internet findet.

LG,
Florian

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Gute Arbeit. So eines hatte ich mir auch gekauft, allerdings in besserem Zustand. Ich habe nur die Mikroskala wirklich reinigen müssen, habe das Gerät aber auch weitestgehend zerlegt, gereinigt usw.
Ich erinnere mich noch an irgendwelche Probleme mit dem Okular, als ich die Korrekur/Justierung zerlegte.
Hat dein Gerät keinen Natriumfilter oder warum ist das Bild mit weißem Licht?
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Zunächst vielen Dank für die positiven Rückmeldungen!

Das Gerät besitzt keinen Filter, da die Dispersion ja kompensiert wird und die Skala für den nD-Wert eingestellt ist. Eine Natriumdampflampe oder ein solcher Filter würden also keine Veränderung der Grenzlinie hervorrufen. Das macht den Umgang mit dem Gerät so komfortabel.
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Da hast du gute Arbeit geleistet. Es lohnt sich bestimmt, dieses gute Stück restauriert zu haben.


Im Bild der Skala ist praktischerweise die Markierung für reines Wasser schon zu erkennen: Die 0%-Marke der kleinen Skala (Gewichtsprozent Saccharose).

Die korrekte Messwellenlänge wird ja dadurch eingestellt, daß man die "Farbschatten" an der Grenzlinie "weg dreht". Eigentlich recht narensicher, solange man mehr neben Blau noch Rot oder Grün erkennt.
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Ich finde es immer wieder spannend und toll, wie User ihre alten Schätzchen restaurieren und das zum Teilhaben her dokumentieren!

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"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

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