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meine Waagen
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Waagen sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Labors. Die Chemie ist ohne die Waage gar nicht denkbar. Erst als sich gegen Ende des 18 Jahrhunderts - insbesondere durch die Arbeiten Lavoisiers - das Konzept, daß „Gott alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet hat“ in der Chemie durchsetzte, konnten die stöchiometrischen Gesetze aufgestellt werden, die letztlich zur Formulierung der Atomhypothese führten. Erst der systematische Gebrauch der Waage machte aus der Alchemie und Protochemie die Naturwissenschaft, die die Chemie heute ist.

Die klassische, Jahrtausende alte Form der Waage ist die eines Instrumentes, das zwei Gewichte miteinander vergleicht. Die Waage ist ein Instrument des Vergleiches, Masse und Gewicht sind immer etwas Relatives. Daher ist auch die Masse die einzige SI-Einheit, die nicht wie Meter oder Sekunde über Naturphänomene definiert ist, sondern als reine Konvention vom Menschen festgelegt wurde. Sämtliche Massenangaben der Welt beziehen sich auf das Urkilogramm, das 1889 hergestellt wurde und seitdem in Sèvres bei Paris aufbewahrt wird.

Somit ist es nur folgerichtig, daß die Waage – und zwar die Waage alter Prägung mit Waageschalen und Waagebalken - auch eine hohe symbolische Bedeutung hat. Mit der Waage verbunden ist die Idee der Gerechtigkeit, des richtigen Verhältnisses, des Gleichgewichts. Justitia trägt eine Waage und wehe der Seele, die am jüngsten Tag gewogen und für zu leicht befunden wird. Wir wünschen uns eine ausgewogene Berichterstattung und sollten uns ausgewogen ernähren. In der Wissenschaft wägen wir nicht nur Stoffe, sondern auch Argumente gegeneinander ab. Und chemische Reaktionen die mit einem Doppelpfeil dargestellt werden nennen wir Gleichgewichtsreaktionen.

Nach dieser Einführung wird es euch nicht verwundern, wenn ich euch jetzt sage, daß ich eine Schwäche für Waagen habe. Jedes Mal wenn ich eine auf einem Flohmarkt sehe, fällt es mir schwer, sie dort zu lassen. Hier stelle ich euch meine Waagen vor.

Diejenige, die ich ständig verwende und die Im Labor ihren festen Platz hat, ist diese kleine Apothekenwaage. Ich habe sie als Schüler von dem Apotheker, bei dem ich damals immer meine Chemikalien gekauft habe, geschenkt bekommen:



Bei den klassischen Waagen bestehen die Lager aus einem spitzen Metallkeil, der in einer Kerbe aus Metall, bei den besseren Waagen aus Achat und bei Analysenwaagen auch einfach auf einer plangeschliffenen Fläche ruht. Dadurch wird die Reibung minimiert. In Ruhe liegt der Waagebalken auf zwei Schrauben auf, damit die Achatlager nicht unnötig belastet werden. Durch Umlegen des Hebels auf der Vorderseite wird der Waagebalken angehoben und kann frei schwingen.

Eine mechanische Waage muss nur einmal geeicht werden, und zwar wenn sie gebaut wird. Das Entscheidende ist, daß der Waagebalken exakt gearbeitet ist. Die Abstände des zentralen Lagers zu den beiden Aufhängungen, an denen die Waagschalen befestigt werden, müssen exakt übereinstimmen. Anders ausgedrückt, die Hebelarme müssen gleich sein. Das kann man ganz einfach dadurch überprüfen, daß man zwei Gegenstände auf der gleichen Seite der Waage abwiegt, und dann auf die beiden Waagschalen verteilt. Sind die Hebelarme gleich, muss die Waage im Gleichgewicht bleiben, egal welches Gewicht man auf welche Seite legt.



Zum Austarieren kleiner Gewichtsunterschiede an den Waagschalen verschiebt man die Schrauben am Ende des Waagebalkens. Damit der Waagebalken gleichmäßig belastet ist und gut schwingt, muss die Waage ferner genau horizontal stehen. Deshalb haben viele Waagen neben dem Ständer ein Lot. Durch Verstellen der beiden vorderen Füße, die Schraubgewinde besitzen, kann man die Grundplatte exakt „waagerecht“ ausrichten:



Um gröbere Gewichtsunterschiede auszugleichen, z.B. das Gewicht eines Wägeschiffchens, verwendet man Bleischrot verschiedener Korngröße, sogenannten Tarierschrot:



Die Empfindlichkeit dieser Waage beträgt rund 10 mg. Hier die Stellung des Zeigers nach dem Austarieren und nach auflegen eines 10 mg-Gewichtes auf die linke Seite:



Dazu gehört natürlich auch ein Gewichtssatz. Ich habe seit Jahrzehnten diesen hier in Gebrauch:



Im Gegensatz zur Waage müssen Gewichte ab und zu nachgeeicht werden, denn sie können sich durch den Gebrauch abreiben oder durch Oxydation schwerer werden. Die Größeren tragen deshalb Eichstempel. Hier das 100g-Stück aus der Nähe aufgenommen:



Die letzte Eichung war 1957. Vor ein paar Jahren habe ich meine sämtlichen Gewichte auf einer Uni-Analysenwaage nachgewogen. Das 100g-Stück ist in Wirklichkeit nur 99,991g schwer. Aber das kann ich verschmerzen. Zum Glück stimmen meine Analysengewichte (unter 1 g) alle noch genau. Hier sind sie:



Die Gewichte der 5-er Größen (500, 50 und 5 mg) sind sechseckig (seit 1981 fünfeckig), die der 2-er Größen (2000, 20 und 2 mg) rechteckig und die 1-er (100, 10, 1 mg) dreieckig. Seit 1981 tragen die Milligrammgewichte übrigens keine Prägung mehr. Die Unterscheidung geschieht nur noch nach Form und Größe.

Zu den Analysengewichten gehört eine Analysenwaage, die ich ebenfalls im Labor ständig benutze. Sie ist in einem Kästchen mit Schiebefront eingebaut. Auch diese Waage ist mit einem Lot ausgestattet und auch hier kann der Waagebalken durch Drehen an einem Stift auf der Vorderseite angehoben werden. Damit man dies vor Luftzug geschützt bei geschlossener Frontscheibe tun kann, befindet sich am unteren Ende derselben eine Aussparung, durch die ein Schlüssel gesteckt werden konnte, der leider verloren gegangen ist. Bis sich diese Waage eingependelt hat, können mehrere Minuten vergehen.



Hier der Waagebalken in Nahaufnahme – Ästhetik pur!



Diese Waage ist sehr genau. Hier habe ich sie exakt austariert:



Und dann das 1 mg-Gewicht auf die rechte Seite gelegt:



Der „große Bruder“ dieser Waagen steht in meinem Arbeitszimmer auf dem Regal, davor Gewichte zu 250, 125 und 50 g:



Er ist funktionsgleich zu den vorigen gebaut und für Wägungen bis zu 2 kg vorgesehen (Stempel auf dem Waagebalken). Ursprünglich war er sicher nicht auf diesem Brett sondern auf einem Kästchen mit Schublade (für die Gewichte) oder gar direkt auf dem Tisch montiert. Diese Waage schlägt bei einem Gewichtsunterschied von 100 mg deutlich aus:



Der „Methusalem“, meine älteste Waage, ist diese hier:



Es handelt sich um eine Hornschalen-Handwaage. Die Waagschalen sind aus Rinderhorn geschnitten. In alten Pharmaziebüchern findet man hin und wieder die Angabe, daß man Gewichtsunterschiede dadurch ausgleichen sollte, dass man von einer der Hornschalen ein bisschen was abfeilt. Offenbar ist das im Laufe des über 100-Jährigen Lebens dieser Waage auch wirklich gemacht worden:



Die Lager sind nicht so gut wie die der vorigen. Die Aufhängungen der Waagschalen bestehen aus Drahtösen, die über einen runden Stift gehängt sind. Die zentrale Aufhängung ist immerhin auf einem Keil gelagert:



Man beachte das Bleisiegel unter der Aufhängung, das das bayerische (!) Wappen und auf der anderen Seite die Jahreszahl 1898 trägt. Diese Waage schwingt nicht so ungebremst und hat deshalb ungeachtet ihrer geringen Größe nur eine Empfindlichkeit von ca. 50 mg:



Dann habe ich in meiner Sammlung noch diese Handwaage aus den 50er Jahren, deren Waagschalen mit der Aufschrift „Jodoform“ versehen sind. Weil Jodoform so durchdringend riecht musste es in den Apotheken in einer gesonderten Blechschachtel aufbewahrt werden, zusammen mit Gerätschaften, die nur zur Verarbeitung von Jodoform verwendet werden durften. Standardausrüstung waren eine Reibschale, ein Löffel und eine Waage, alle mit der Aufschrift „Jodoform“ gekennzeichnet.



Hier die Waage am Ständer der alten Handwaage aufgehängt:



Die Empfindlichkeit beträgt weniger als 5 mg. So steht der Waagebalken, wenn ein 5 mg-Gewicht rechts aufgelegt wird:



Aber auch im Haushalt braucht man Waagen. Dies ist eine der klassischen alten Briefwaagen mit Emailskala. An der konnte ich auf dem Flohmarkt nicht vorbeigehen, ich finde sie einfach zu schön:



Der Nullpunkt wird durch Verstellen der Schraube am Fuß der Waage rechts eingestellt. Durch Umklappen des Gewichts nach Oben kann man den Wägebereich verkleinern und die Empfindlichkeit erhöhen. Hier habe ich ein 500 mg-Gewicht aufgelegt.



Hier das andere Ende des Wägebereichs. Aufgelegtes Gewicht: 200 g



Und schließlich noch meine Küchenwaage, Alter unbestimmt, schätzungsweise 50-80 Jahre. Dazu ein paar Gewichte (1 kg, ½ kg, 200 g):



Diese Waage verfügt über eine geniale Mechanik, die dafür sorgt, daß die Waagschalen in jeder Stellung des Waagebalkens immer horizontal stehen. Das System besteht aus drei miteinander verbundenen Hebeln, wie man hier andeutungsweise sieht.



Die Aufhängungen sind sämtlich keilförmig gearbeitet. Dadurch ist diese Waage, obwohl sie so grobschlächtig aussieht, erstaunlich empfindlich. 500 mg geben einen sehr deutlichen Ausschlag:



Das reicht zum Kochen von Marmelade oder Ansetzen von Holundersekt und Fruchtlikör.

Mechanische Waagen sind wundervolle Apparate! Sie sind robust, exakt und einfach zu bedienen. Eine Substanz mit Ihnen abzuwiegen ist anschaulich und sinnhaft. Und nicht zuletzt sind sie schön! Einem langsam schwingenden Waagebalken zuzusehen hat schon fast etwas Meditatives. Mich kriegt keiner dazu, eine elektronische Waage zu benutzen!

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Hallo @lemmi,

ein herrlicher Einblick in Dein "Museum der Waagen"!

Mir geht es da genauso; allerdings mehr mit "Opas Taschenuhren". Wink Was man mit der "alten" Mechanik damals schon für Genauigkeiten erreichte, finde ich schon phänomenal... Meine gesammelten Taschenuhren justiere ich teilweise auch selbst...

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Heute war ich wieder mal auf dem Flohmarkt. Neben einer Ausgabe von Rüdorffs "Grundriss der Chemie für den Unterricht an höheren Lehranstalten" von 1902 (4 € - Buchblock vorne am Einband abgelöst) habe ich noch eine Waage erstanden. Sie sieht aus wie der kleine Bruder meiner täglichen Arbeitswaage.



Es fehlt eine der Schrauben, auf der der Waagebalken in Ruhestellung aufliegt (links). Der Stahlkeil, der als Lager für die Aufhängung der rechten Waagschale dient, wurde offensichtlich mal ersetzt. Er sitzt jedenfalls etwas schräg, ist leicht schartig und der Waagebalken weist dort Bearbeitungsspuren auf. Und jemand mit nicht viel Ahnung hat den feststehenden dritten Fuß auf der Rückseite, der offenbar ausgebrochen war, durch zwei (!) Holzklötzchen an den beiden hinteren Ecken ersetzt. Dadurch kann man die Waage nicht mehr sicher horizontal stellen, denn dafür darf sie nur drei Füße haben. Das werde ich versuchen zu reparieren. Aber für 10,- Euro konnte ich nicht wiederstehen...

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Schönes Schätzchen Very Happy
o.t. p.s.:
Backe grade deinen "Blauen Leuchtstein" nach. Hab die Rezeptur etwas abgewandelt (Statt Lithiumcarbonat Kaliumcarbonat und statt Kaliumsulfat Lithiumsulfat) Steht im Moment in einem Quarzbecherglas im Ofen und wird aufgeheizt.

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Ein schönes Schätzchem! Den Rüdorffs "Grundriss der Chemie für den Unterricht an höheren Lehranstalten" von 1902 habe ich auch.... Wink

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Ratet mal, was ich auf dem letzten Flohmarkt für 25,- € gekauft habe? Mr. Green



hat einen Wägebereich bis 500 g, die Empfindlichkeit (habe ich getestet) liegt bei 10 Millilemm ... äh - Milligramm! Die Lager sind 1A erhalten und der Waagebalken schwingt mit einer majestätischen Ruhe, daß es einfach unglaublich ist. Ich werde sie jetzt als meine Alltagswaage verwenden und meine Alte in den wohlverdienten privaten Museums-Ruhestand schicken.

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Na, Du kamst es auch nicht lassen, was....

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Also ich habe da lediglich eine billige Feinwaage von Amazon die bis 1kg in 0,1g Schritten geht.
Bin damit jedoch relativ zufrieden Smile
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Ich hab eine Tomopol s050. Geht bis 50g auflösung 0.005g. Bin damit auch sehr zufrieden.
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Frage: reparatur wissenschaftlichen Waage
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Hallo Lemmi

Ich hatte ein Paul Bunge Waage bekommen. Leider es fehlt ein unterteil. Wissen sie ein Adresse wo dass geliefert werden kann?
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Nein, dazu kann ich dir leider nichts sagen. Vielleicht weiß zweitens etwas darüber?

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Bei so alten mechanischen mit Holzkasten kann ich nicht viel weiter helfen. Mein Metier sind digitale Waagen.
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Ich habe mal nach "Paul Bunge Waage" gegoogelt. Der erste Eintrag war ein Artikel in der "Zeitschrift für Unternehmensgeschichte" (31. Jahrg., H. 3. (1986), pp. 165-183 ), der besagte, daß diese Waagen von 1920 bis 1945 in Hamburg hergestellt wurden.

Ersatzteile gibt es vermutlich nur noch als Nachbau oder antiquarisch aus anderweitig zerstörten Waagen. Eine ähnliche Waage stand um 1990 noch im Wägeraum der Lehrlabore der Bayer-AG in Leverkusen, funktionierte noch einwandfrei und wurde inzwischen von mechanischen, später digitalen Analysenwaagen abgelöst.
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