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Kultur und Wissenschaft in London
IllumiNobel-Gewinner 2012

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Wie ihr wisst war ich für eine Woche in London. Das ist ja nicht nur eine interessate pulsierende Großstadt sondern auch ein historischer Ort, vor allem für Chemiebegeisterte. Hier ein paar Eindrücke:


Die Eingangshalle der Royal Institution, die 1799 gegründert wurde. Der Herr in Weiß ist Michael Faraday, der es ohne Universitätsstudium vom Buchbinderlehrling zum Präsidenten der Royal Institution brachte. Sein Vorgänger war der nicht minder berühmte Sir Humphry Davy, der Endecker der Alkali- und Erdalkalimetalle durch Schmelzflusselektrolyse.

Die altehrwürdige lecture hall der Royal Institution mit dem eingekerbten Experimentier- und Vortragstisch. Hier finden noch immer alljährlich die berühmten, von Faraday eingeführten Christmas Lectures statt. Ein Besuch auf der Homepage der Ri macht Lust auf solche Veranstaltungen - leider fand in der Zeit als ich in London war, kein öffentlicher Vortrag statt.

Nachbildung des Vorbereitungsraumes für die Experimentalvorlesungen (im Faraday-Museum, im Keller). Allein 10 Elemente (Na, K, Ca, Mg, Sr, Ba, B, I, Cl [schon vorher dargestellt, aber erst von Davy als Element erkannt], Ar) wurden an der Royal Institution entdeckt.


Die öffentlich zugängliche Bibliothek der Ri. Neben praktisch allen naturwissenschaftlichen Zeitschriften ab 1800 sind auch eine ganze Menge interessanter Monographien in allen europäischen Sprachen vorhanden.

Die Bücher können von jedermann eingesehen werden, eine Anmeldung ist aber erforderlich.


Ein anderer Ort historischer Bedeutung: der Nullmeridian im Hof des Royal Observatory in Greenwich. Im Jahre 1884 einigte sich eine internationale Konferenz darauf, diesen Meridian - die Längenkreise haben ja keinen natürlichen Nullpunkt wie die Breitenkreise - für weltweit verbindlich zu erklären, während früher verschiedene Kartographen verschiedenen Nullmeridiane benutzen (Paris, El Hierro). Komischerweise orientiert sich das GPS an einem Meridian, der etwa 100 m östlich des Nullmeridians von Greenwich liegt - so jedenfalls die Erläuterung im Meridian House des Museums. Dort befindet sich auch das riesige Fernrohr mit dem die Meridiandurchgänge der Sterne gemessen wurden. Es erlaubt die Messung der Winkelhöhe eines Sternes auf 1/1000 Bogensekunde genau.


Im Flamsteed House neben dem Observatorium - benannt nach dem königlichen Astronomen John Flamsteed (1646-1719) - befinden sich neben historischen Räumlichkeiten auch eine Ausstellung von verschiedenen Zeitmessern. Durch die Erfindung der Pendeluhr (Galilei und Huygens) hatte die Genauigkeit der Uhren einen Quantensprung gemacht. Für die Seenation England waren Schiffschronometer ein Muß, denn eine genaue Zeitmessung auf See ist zur Bestimmung des Längengrades unerlässlich. Aber Pendeluhren gehen auf schlingernden Schiffen nicht genau. Das Englische Parlament schrieb daher 1714 einen Preis für Denjenigen aus, der das Längengradproblem löste. Den Preis gewann schließlich der Tischler und Uhrmacher im Selbststudium John Harrison (1693-1776), der 1759 mit seiner Uhr H4 die damals unglaubliche Genaugkeit von zwei Sekunden Abweichung im Monat erreichte.



Dieser Herr ist wohl allgemein bekannt. Neben vielem anderen führte Newon die Idee eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit in die physikalische Denkweise ein, worüber er mit dem deutschen Philosophen Wilhelm Leibnitz in eine heftige Kontroverse geriet. Hier in der Westminster Abbey ist er begraben.

Eine schlichte Marmorplatte im Eingangsberiech der Abtei, zusammen mit den Herschels und gleich neben der Platte, die Charles Darwins sterbliche Überreste bedeckt. (Das war übrigens das erste und letzte Foto das ich in der Westmister Abbey machte, denn sofort wurde mir das Fotografieren (auch ohne Blitz) von einem guardian streng untersagt.)


Die Houses of Parliament neben der Westminster Abbey. Ich habe den Big Ben mit seinem wohlbekannten Glockenschlag immer für ein kitschiges Touri-Andenken gehalten, das sich manche als Plastikminiatur ins Wohnzimmer stellen. Aber in der Realität ist er beeindruckend und auch schön.

Allein der große Zeiger hat die Länge eines der berühmten Londoner Doppeldeckerbusse.


Der Besuch in einem Pub gehört natürlich auch dazu, hier einer in der Charing Cross Road.
Nicht weit davon befindet sich Foyles, der größte Buchladen Londons, in dem es alles gibt - nur leider nichts Antiquarisches...

Daunt Books, ein vornehmlich auf Reiseliteratur und Landkarten spezialisierter Buchladen in der Marylebone High Street. Sehr schönes, edwardianisches Interieur.

Apropos Bücher und Bibliotheken. Im British Museum (Eintritt kostenlos!), in dem allein man eine Wioche verbringen könnte, befindet sich die ehemalige Bibliothek Georg III., die eine Ausstellung über das Jahrhundert der Aufklärung, das 18. Jahrhundert, birgt:

Eine wunderbare Ausstellung über die Naturforschung jener Zeit mit Herbarien, Mineralien und ausgetopften Tiern in Schaukästen, in Bronze gefassten Prismen, Theodolithen und Planetarien, altchinesischen Vasen, Marmorbüsten und natürlich jeder Menge an Büchern. Dort steht auch eine Kopie des berühmten Steins von Rosetta mit dem netten Hinweis "Please touch! The original is in another room".

Das ist der echte Stein, der 1799 im Nildelta bei Rosetta gefunden wurde, und durch den sich eine Welt erschloß: die des alten Ägyptens. Da auf dem Stein der selbe Text in griechisch, demotisch (alt-ägyptisch) und in Hieroglyphen geschrieben steht, machte dieser Fund es erstmals möglich, die Hieroglyphenschriuft zu entziffern, die zuvor als völlig unverständlich galt.


Dies ist kein historischer Ort sondern ein Museum, das sich in der Baker Street befindet und einer fiktiven literarischen Gestalt gewidmet ist, dem berühmten Detektiv Sherlock Holmes. Bekanntlich spielte der Meister nicht nur Geige, sondern bediente sich bei der Aufklärung seiner Fälle auch der Chemie. Das Museum, in einem zeitgenössichen viktorianischen Wohnhaus stilgenau eingerichtet, versucht, die Laborecke im Wohnzimmer neben dem Kamin lebendig werden zu lassen. Sehr schön sind die alten Chemikaliengläser

Wozu der große Detektiv wohl Barium nitrate und Potassium chlorate gebraucht hat? Analytik ist jedenfalls spannend wie ein Krimi und mit diesem Besuch wurde meine Lust, "Detektiv im Reich der Chemie" zu sein, ein weiteres Mal bestärkt.



In diesem Sinne!

euer
lemmi

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Danke für die schönen Impressionen und deine Schilderung dazu. Du hast da ja einiges an historischen Orten abgeklappert... Respekt!

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Na es waren natürlich nicht nur wissenschaftshistorische Orte. Wink Wir hatten auch 6 volle Tage Zeit. Ich fand die Stadt toll und das Wetter war überraschend schön. Very Happy

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Sehr schön lemmi! Lang iss es bei mir her: 1986! Da bin ich mit einem guten Freund u. a. auch auf dem Nullmeridian rumspaziert.... Wink

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Re: Kultur und Wissenschaft in London
Pok
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Coole Fotos. Als Kind war ich auch mal in London. Wenn man sich die Fotos so anguckt, merkt man erstmal den Unterschied zwischen London und Berlin zum Beispiel. In GB lässt man alles so wie es ist. Das ist richtig historisch. In Berlin wird alles neu gebaut. Ziemlich langweilig.

lemmi hat Folgendes geschrieben:
Big Ben [...] Aber in der Realität ist er beeindruckend und auch schön.

Stimmt. Auf den üblichen Fotos kommt nämlich gar nicht diese goldene Verzierung auf dem Ziffernblatt zur Geltung. In der Realität sieht das viel besser aus.

lemmi hat Folgendes geschrieben:
Das ist der echte Stein, der 1799 im Nildelta bei Rosetta gefunden wurde

Das Teil hab ich auch schon gesehen. Das Britische Museum ist wirklich ganz lustig...

lemmi hat Folgendes geschrieben:
Wozu der große Detektiv wohl Barium nitrate und Potassium chlorate gebraucht hat?

War wohl auch ein kleiner Hobby-Sprengmeister. Interessant übrigens, dass die ganzen Gefäße noch voll sind (sieht auch nach echten Chemikalien aus) und dass man da einfach so nah randarf. Waren die Chemialiengefäße auf dem Regal festgeklebt? Mr. Green
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Re: Kultur und Wissenschaft in London
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Pok hat Folgendes geschrieben:
lemmi hat Folgendes geschrieben:
Wozu der große Detektiv wohl Barium nitrate und Potassium chlorate gebraucht hat?

War wohl auch ein kleiner Hobby-Sprengmeister. Interessant übrigens, dass die ganzen Gefäße noch voll sind (sieht auch nach echten Chemikalien aus) und dass man da einfach so nah randarf. Waren die Chemialiengefäße auf dem Regal festgeklebt? Mr. Green

Nein, waren sie nicht! Das Gefäß mit dem "Potassium chlorate" habe ich nämlich hochgenommen, weil das Ettikett so verdreht war, daß ich es nicht lesen konnte. Da scheint der Sicherheitswahn noch nicht so zugeschlagen zu haben (oder die Museumskuratoren wissen nicht, was sie da rumstehen haben...) Wink

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Danke für diese gelungene Zusammenfassung!

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Mit freundlichen Grüßen

Sven
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