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K.D.Röker - Chemische Zeitreisen
IllumiNobel-Gewinner 2012

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Chemische Zeitreisen

"Der Standort unserer Zeitmaschine ist 13°19‘41,2“ N, 30°04’11.22“ O. Wir sind wieder in Ägypten, dieses Mal in der quirligen Viereinhalb-Millionenstadt Alexandria an der Westspitze des Nildeltas. Vor uns liegt die 2002 eröffnete Bibliotheca Alerxandrina. Die riesige Bibliothek ist für die Aufnahme von acht Millionen Büchern eingerichtet. Sie ist Teil eines Kultur- und Wissenschaftskomplexes, welcher über Museen und sogar ein Planetarium verfügt.
Wir stellen unsere Zeitmaschine so ein, dass sie uns in das Jahr 325 bringt. …
Wir sind zwar fast 1700 Jahre in die Vergangenheit gereist, aber vor uns liegt auch im Jahre MLXXVIII der römischen Zeitrechnung eine Bibliothek. Die riesige, im Jahre 325 unserer Zeitrechnung bereits ehrwürdige Bibliothek von Alexandria ist Teil des
Museions, der wohl wichtigsten nachchristlichen Wissenschaftseinrichtung des Altertums."

Wäre es nicht wunderbar, über eine Zeitmaschine zu verfügen, die es uns erlaubte in die Vergangenheit zu reisen und die Entfaltung unserer Wissenschaft, der Chemie, aus erster Hand zu erfahren? Die im Museion ein- und ausgehenden Größen der antiken Wissenschaft zu beobachten (ist Zosimos darunter?), Paracelsus auf seinem unsteten Lebensweg zu begleiten, einer der berühmten Abendgesellschaften des Ehepaars Lavoisier im Jahre 1789 beizuwohnen oder ein Interview mit August Kekulé anlässlich des ersten internationalen Chemikerkongresses 1860 in Karlsruhe zu führen? Das vorliegende Buch erlaubt es, sich diesem Traum hinzugeben und zugleich mit beiden Beinen auf dem Boden der historischen Forschung des 21. Jahrhunderts zu stehen. Es ist wahrhaftig ein ungewöhnliches und höchst originelles Werk, das Klaus Dieter-Röker da verfasst hat. In zwanzig Kapiteln, auf zwanzig Zeitreisen nimmt der Autor den Leser mit in die Vergangenheit und erläutert packend und anschaulich die Entwicklung der Chemie und insbesondere ihrer theoretischen Aspekte. So entsteht eine Ideengeschichte über den stofflichen Aufbau der Welt, sozusagen in Historienbildern.

Der besondere Charme des Buches besteht darin, dass es nicht – oder jedenfalls nicht explizit - thematisch-stofforientiert vorgeht, sondern einen eben an konkrete Orte und Zeitpunkte versetzt. Ständiger Begleiter auf allen Zeitreisen ist “der jeweils für die Zeitspanne zuständige Zeitgeist“. Nach dem Aussteigen aus der Zeitmaschine erläutert der imaginäre Reiseführer zunächst die aktuelle historische, politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Situation - denn “Wer nur Chemie versteht, der versteht auch die nicht recht!“ (G.C.Lichtenberg). Dann wird ein Überblick über den aktuellen Stand der Chemie gegeben und schließlich die epochemachenden Entdeckungen oder Überlegungen der vorgestellten Zeitgenossen beschrieben. Nach jeder Zeitreise folgt eine Art Nachbesprechung, bei der die im Moment des Besuches gefundenen Neuerungen in einen zukünftigen Kontext gestellt werden und die Entwicklung ein Stück weiter gesponnen wird. So ist jeder konkrete Moment eingebettet in ein Davor und Danach, ein Woher und ein Wohin der Erkenntnisse, vor allem aber der Ideen und Theorien. Die Schauplätze sind das antike Ägypten, Athen und Pompeji, Bagdad im Jahre 802, das frühneuzeitliche Salzburg und Prag, Halle und Dresden im 18. Jahrhundert, Paris gleich drei Mal – 1248, 1789 und 1853 -, Manchester, Stockholm, Gießen, Karlsruhe, St. Petersburg und Amsterdam im 19. Jahrhundert und zweimal Zürich, wo die letzte Zeitreise 1922 hinführt (wer die dort jeweils besuchten Wissenschaftler sind, soll hier nicht verraten werden ! Very Happy ). Wie man sieht, nimmt die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Chemie in der Neuzeit einen breiten Raum ein. Das ist zu begrüßen, denn diese hochinteressante Epoche findet sich sonst - im Gegensatz zur exotisch-schillernden Welt der Alchemie, über die mehrere populäre Bücher geschrieben wurden – in der historischen Fachliteratur eher trocken abgehandelt.

Bestechend sind die detaillierten historischen Informationen, die - sämtlich mit Quellennachweisen belegt – präsentiert werden, ohne dass die Flüssigkeit des Textes darunter litte. En passant kann man hier etwas über die Strömungen der griechischen Philosophie oder Französische Revolution und die nachfolgenden Epochen der verschiedenen Republiken und Kaiserreiche lernen, über die industrielle Revolution in England oder über der steinigen Weg der deutschen Staaten zur Demokratie. Zahlreiche Zusatzinformationen historischer, etymologischer und kultureller Art hat Röker in Fußnoten untergebracht, um im laufenden Text nicht zu sehr abzuschweifen. Natürlich tut man das dann doch, weil man auf jeder Seite eine bis fünf Fußnoten nachliest. Dies ist einer der wenigen formalen Kritikpunkte an den “chemischen Zeitreisen“. Andererseits muss man dem Autor zugutehalten, dass er eine Fülle wirklich interessanter Informationen bietet. Ob man diese Anmerkungen vielleicht besser in einem Anhang am Ende des Buches untergebracht hätte, ist eine Geschmacksfrage. Inhaltlich gibt es an dem Buch kaum etwas auszusetzen. Diskutieren könnte man darüber, ob die Idee, aus jeder Epoche eine oder mehrere Persönlichkeiten auszuwählen und am Schluss des Buches in einer “Ruhmeshalle der Chemie“ zu versammeln, nun lehrreich, lustig oder lächerlich ist. Jedenfalls erhebt Röker mit seiner Auswahl explizit keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und betreibt sie immer mit einem Augenzwinkern.
Im Ganzen ist das Buch eine quasi “organische“ Verbindung aus Traum und historischer Wirklichkeit. Und das Träumen sollte auch Naturwissenschaftlern erlaubt sein. Zum Abschluss deshalb ein Auszug aus dem Interview mit Kekulé, während der Zeitreise in das Jahr 1860:

"Zeitreisender: Heißt das, dass das Träumen nun die neue Methode der Chemie ist?
KEKULÉ: Lernen wir träumen, dann finden wir vielleicht die Wahrheit – aber hüten wir uns, unsere Träume zu veröffentlichen, ehe sie durch den wachen Verstand geprüft worden sind."

(Diese Aussage von Kekulé ist historisch belegt und stammt aus seiner Rede zum Benzolfest 1890)

Die “Chemischen Zeitreisen“ sind ein gelungenes Werk, das sich durch seinen erfrischenden Stil und seine originelle Konzeption, verbunden mit historischer Genauigkeit, von anderen chemiegeschichtlichen Werken abhebt. Das vorliegende Format – 22 x 17 cm Paperback mit über 360 Seiten – wird seinem Inhalt bei weitem nicht gerecht. Auch die Qualität der Abbildungen lässt immer wieder zu wünschen übrig. Man würde dem Buch für die nächste Auflage eine bessere Aufmachung wünschen!



Röker, Hans-Dieter: Chemische Zeitreisen; Books on demand GmbH, Norderstedt 2012; ISBN 978-3-8482-1358-0, 333 Seiten + Quellenanhang, 23,90 €

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"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie gesehen haben." (Alexander v. Humboldt, 1769 - 1859)
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Vielen Dank für dieses Rezension! Das Buch steht ganz oben auf meiner Liste.... Wink

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"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

Alles ist Chemie, sofern man es nur "probiret". (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

„Dosis sola facit venenum.“ (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus 1493-1541)

"Wenn man es nur versucht, so geht´s; das heißt mitunter, doch nicht stets." (Wilhelm Busch 1832 -1908)
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Auch bei mir steht das Buch weit oben auf der Liste (von Chemiebüchern) Very Happy

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Viele Grüße
Flo

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K.D.Röker - Chemische Zeitreisen
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