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Quecksilberoxid rot hat Folgendes geschrieben:
Ich finde, dass diese Frage etwas unglücklich formuliert ist. Die Mathematik wurde und wird entwickelt, um die Welt zu verstehen und um sie zu beschreiben.


Das ist ein Zirkelschluss: Wir entwickeln die Mathematik, damit wir die Welt beschreiben können; daher können wir mit der Mathematik die Welt beschreiben. Ich kann auch mit normaler Sprache die Welt beschreiben (aber nicht verstehen, mit Mathe übrigens auch nicht), was uns aber nicht zur eigentlichen Frage leitet, nämlich warum das so ist, nicht wie es ist.

Mathe und die Realität verbindet das Experiment. Im Experiment findet eine Messung statt, und erst die Messergebnisse, abstrahierte Zahlen, können nun der Mathemaschine zugeführt werden. Die stellt Zusammenhänge dann in Form von Funktionen jeglicher Art dar, und mit diesen können Vorhersagen getroffen werden, die dann, wiederum durch Messung, widerlegt werden können (Popper -- soll aber unpraktikabel sein, hab ich gehört).

Eine Bestätigung ist nie zu erreichen, da Modell und Realität nicht magisch oder sonstwie verknüpft sind. Das Modell existiert nur in unseren Köpfen. Es gibt dem Strukturlosen eine Form, damit wir es besser be-greifen können. Doch die Realität "kennt" diese Modelle nicht, denn dazu benötigte sie ein Bewusstsein1. Wir versuchen sozusagen messbare Zusammenhänge zu linearisieren. Das geht aber nur über einen gewissen Bereich, irgendwo versagt dann unser Modell und wir brauchen ein neues. Bei Newtons Bewegungsgesetzen hat das immerhin 150 Jahre gedauert, bis so ein neues Modell nötig wurde. Das alte ist deswegen weder falsch noch richtig. Es erfüllt seinen Zweck. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist auch das, was Lemmi meint (Oder besser: Was ich glaube, dass er meint).

Xyrofl hat Folgendes geschrieben:
Im Grunde geht es ja nur darum, Regelmäßigkeiten in unserer Umwelt zu finden. Und wenn man die erkannt und beschrieben hat, dann treffen die Beschreibungen der Regelmäßigkeiten eben zu. Ich sehe nicht was daran so verwunderlich ist.


Und jetzt behaupte ich ganz kühn: Es gibt keine Regelmäßigkeiten, jeder Zustand ist hochgradig individuell. Warum klappt es dann doch so gut?

1Was auch viele dieser Realität zusprechen, quasi alle Götterkonzepte zielen darauf ab.

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"Karl Popper? Hat sich nicht durchgesetzt, weil unpraktikabel." - Pok
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Zitat:
Das ist ein Zirkelschluss: Wir entwickeln die Mathematik, damit wir die Welt beschreiben können; daher können wir mit der Mathematik die Welt beschreiben.

Wo ist da ein Zirkelschluss? Wenn ich A mache um B zu erreichen, kann ich A machen um B zu erreichen?
Zitat:
was uns aber nicht zur eigentlichen Frage leitet

Welche Frage ist das denn?
Zitat:
mit diesen können Vorhersagen getroffen werden

Dafür braucht es kein Experiment. Eine rein erdachte These / Theorie reicht. Oft kamen Experimente, die eine Theorie prüfen, erst Jahrzehnte nach der Theorie.
Zitat:
Es gibt dem Strukturlosen eine Form, damit wir es besser be-greifen können.

Wie soll man etwas völlig chaotisches (zufälliges) denn mathematisch beschreiben können? Die Realität ist alles andere als strukturlos. Man denke nur mal an Atomgitter.
Zitat:
Doch die Realität "kennt" diese Modelle nicht, denn dazu benötigte sie ein Bewusstsein

Es ist für uns irrelevant, ob jemand anderes unsere Modelle kennt oder nicht.

Zitat:
Warum klappt es dann doch so gut?

Weile eine Behauptung von dir die Welt nicht (auch noch retroaktiv) ändert... und natürlich weil man nicht bis ins kleinste Detail gehen muss, um ein grobes Bild zu haben. Für die Beschreibung eines 2 Körper Systems mit Gravitation kann ich Atombindungen oder auch das Wetter auf diesen Körpern vernachlässigen.
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Zitat:
Wir entwickeln die Mathematik, damit wir die Welt beschreiben können; daher können wir mit der Mathematik die Welt beschreiben. Ich kann auch mit normaler Sprache die Welt beschreiben (aber nicht verstehen, mit Mathe übrigens auch nicht), was uns aber nicht zur eigentlichen Frage leitet, nämlich warum das so ist, nicht wie es ist.

Das ist doch genau das, was wir sagen wollten. Die Welt hält sich nicht mehr an die Mathematik als sie sich an Beschreibungen in deutscher Sprache oder boolsche Logik halten muss. Richtige Beschreibungen beschreiben die Welt nunmal, deswegen sind sie richtige Beschreibungen. Es tut mir Leid, dass man das nochmal sagen muss.

Zitat:
Und jetzt behaupte ich ganz kühn: Es gibt keine Regelmäßigkeiten, jeder Zustand ist hochgradig individuell. Warum klappt es dann doch so gut?
Gäbe es keine Regelmäßigkeiten, könnten wir keine Regeln finden die (näherungsweise) eingehalten werden.
Wir machen die Regeln ja nicht, wir formen sie aus unseren Beobachtungen, bzw wir übernehmen die Beobachtungen unserer Vorväter, weil sie einleuchten. Hälst du die Welt für unregelmäßig, dann stimmt mit dir etwas nicht, denn du teilst mir das mit Hilfe einer Maschine mit, die auf den entsprechenden Regelmäßigkeiten basiert und mehrere Milliarden mal in der Sekunde die Einhaltung dieser Regeln überprüft - allein dadurch, dass sie funktioniert wie sie soll.

Zitat:
Wir versuchen sozusagen messbare Zusammenhänge zu linearisieren. Das geht aber nur über einen gewissen Bereich, irgendwo versagt dann unser Modell und wir brauchen ein neues. Bei Newtons Bewegungsgesetzen hat das immerhin 150 Jahre gedauert, bis so ein neues Modell nötig wurde. Das alte ist deswegen weder falsch noch richtig. Es erfüllt seinen Zweck. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist auch das, was Lemmi meint (Oder besser: Was ich glaube, dass er meint).

Ich dachte, ich hätte das gesagt. Übrigens war das quantenmechanische Modell schon länger nötig, man kannte lange Zeit das Problem, dass sich Atomspektren nicht vorhersagen lassen, d.h. die Modell lückenhaft waren, man wusste nur nicht wie man es besser machen kann.
Ich finde, das ganze Problem löst sich auf wenn man sich nicht an Begriffen wie "Wahrheit" aufhält, die letzten Endes nicht einer exakten Sprache entstammen und deswegen nicht für all zu scharfe Diskussionen geeignet sind.
Du verstehst sicher unter Wahrheit etwas anderes als ich. Dein Wahrheitsbegriff scheint philosophisch und sehr idealistisch, meiner ist sehr pragmatisch. Ich verstehe unter Wahrheit nicht die absolute und unerfahrbare Wahrheit. Für deine Wahrheit habe ich kein Wort, weil ich es nicht brauchen würde. Das gibt es nicht.

Zitat:
Wie soll man etwas völlig chaotisches (zufälliges) denn mathematisch beschreiben können?
Stochastisch Razz
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Pok
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Physiko-Chemiker hat Folgendes geschrieben:
Die stellt Zusammenhänge dann in Form von Funktionen jeglicher Art dar, und mit diesen können Vorhersagen getroffen werden, die dann, wiederum durch Messung, widerlegt werden können (Popper -- soll aber unpraktikabel sein, hab ich gehört).

Das ist nicht Popper, aber egal. Deine Signatur ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung. Very Happy

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Meinte Popper vielleicht sowas wie die t-tests aus der Statistik? Man kann bei statistischen Tests ja nie etwas verifizieren, sondern nur immer Nullhypothesen formen und die die dann mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsniveau ablegen. Dann kann eine Alternativhypothese als gültig angesehen werden, aber eigentlich ist nur die Nullhypothese widerlegt und die Alternative ist das bisher beste, das man zur Erklärung hat. Es muss aber ja nicht unbedingt nur eine einzige Alternative zur Nullhypothese geben. Umgangssprachlich sagen wir natürlich über die Alternativhypothese, dass wir die bewiesen haben, aber formal haben wir das nicht getan.

Ich denke Popper sollte die t-Statistik gekannt haben. Meinte er sowas? Oder war er einfach wahnsinnig und strange? Ich habe viel zu wenig von ihm gelesen, war aber immer der Meinung, dass Falsifikation letzten Endes immer das Fundament der Empirik bilden sollte, auch wenn man nicht explizit losgeht und versucht, einzelne Theorien zu widerlegen. Man macht das ja implizit sobald man etwas neues entdeckt und dann die Theorien versagen. Borane z.B. wurden nicht entdeckt um die Elektronenpaarbindungen zu widerlegen, aber die Theoretiker haben sofort gemerkt, dass Clusterverbindungen das Konzept falsifizieren und haben neue Modelle entwickelt.

Andererseits ist natürlich moderne, synthetische Forschung in Bereichen wie der OC oder der AC völlig "unwissenschaftlich" in der Hinsicht. Man kocht einfach was und macht seine Spektren und denkt nicht über Hypothesentests nach weil in der OC noch alles in Ordnung ist. Das läuft ganz routiniert und gemütlich ab. Man bestimmt ja nicht einmal Standardfehler.
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Soweit ich mich erinnere hat Popper die prizipielle Falsifizierbarkeit als Kriterium einer wissenschaftlichen Aussage den Glaubens- und Meinungsaussagen gegenübergestellt und seine Kernaussage war, daß wir nie eine absolute Wahrheit finden, sondern nur Unwahrheiten (falsche Aussagen) beseitigen können. Er nennt das "Verzicht auf Letzterklärungen". Eigentlich mag ich Popper gerne, obgleich sein neopositivistischer Ansatz auch beschränkt ist und sich nicht auf alle Aspekte des Lebens anwenden lässt. Unter anderem gefällt mir, wenn er sagt, dass menschlicher Fortschritt darin besteht, unsere Theorien sterben zu lassen anstelle von uns (oder unseren Gegnern).


Xyrofl hat Folgendes geschrieben:
Wir machen die Regeln ja nicht, wir formen sie aus unseren Beobachtungen, bzw wir übernehmen die Beobachtungen unserer Vorväter, weil sie einleuchten.
Doch, die Regeln machen natürlich wir. Induktion (Regeln werden aus Beobachtungen formuliert) ist nie ohne Voraussetzungen von Seiten des Erkennden möglich. Die Frage, warum wir überhaupt in der Lage sind, Regeln zu formulieren welche die Realität halbwegs gut abbilden, ist nicht zu umgehen. Kant hat versucht das so zu beantworten, dass wir Kategorien a priori anwenden, die auf die Welt passen (z.B. Kausalität, Raum, Zeit).

Eine interessante Erkenntnistheorie habe ich bei Peter Janich gelesen. Er behauptet kurz gefasst, daß Erkenntnisaussagen dann wahr sind, wenn sie uns zu Handlungen anleiten, mit denen wir die erwarteten Ergebnisse erzielen können. In seinem Sinne sind z.B. Naturgesetze Handlungsanleitungen und wenn man sie befolgt, kommt das heraus, was das Gesetz vorhersagt. Klingt ziemlich ernüchternd, ist aber ein recht wichtiger Teil von Erkenntnis.

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Zitat:
Doch, die Regeln machen natürlich wir.

Vergleiche Regeln, die wir willkürlich aufstellen (Gesetze und Verordnungen) mit Regeln, die wir nicht bestimmen sondern finden (Naturgesetze). Der Unterschied ist gewaltig. Wir sind hochgradig passiv wenn es um das "erstellen von Naturgesetzen" geht. So passiv wie ein Kommissar, der nicht verfügt, wer der Mörder ist, sondern es ermittelt.
Wir können das auch nicht einfach so. Wir brauchen dafür eine spezielle Denkweise, die sich als hilfreich herausgestellt hat. Das sieht man deutlich beim Vergleich von Alchemie und Chemie. Alchemisten hatten einen völlig falschen Ansatz und deswegen waren alle Regeln, die sie gebildet hatten letzten Endes für die Wissenschaft wertlos.
Woher haben wir die Begriffe, die "a priori passen"? Zufall? Unterbewusste Selektion?
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Hmm, naja, da kann man @Xyrofl nur zustimmen. Regeln des sozialen Zusammenlebens /Gesetze und Verordnungen sind bei oberflächlicher Betrachtung (1. Näherung oder so) tatsächlich willkürlich.
Sog. 'Naturgesetze' wie das Verhalten von Elementarkörpern und der grundlegenden Kräfte können wir nur beobachten, die regelmäßig auftretenden Relationen zwischen den einzelnen Kräften dokumentieren und dies als "Gesetze Niederschreiben".

Bei tiefergehender Betrachtung der sozialen Regeln muß man allerdings darüber nachdenken, wie deterministisch Gehirne und damit auch das zusammenspiel einiger oder Vieler Gehirne incl. deren Interaktionsoberfläche und Lebenserhaltungssysteme angelegt sind.

Gesteht man zu, daß Gehirne Reizverarbeitungsmechaniken sind, dann sind auch die Regeln der Interaktion nicht wirlich zufällig oder willkürlich, sondern die an ihrer Formulierung beteiligten Gehirne konnten aufgrund ihrer Erfahrung und jeweils aktuellen Situation nicht anders, als genau diese Formulierungen zu diesem Zeitpunkt so zu verfassen.

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Unendliche Vielfalt in unendlicher Kombination.

Agressiv und feindselig, boshaft, manipulierend und hinterhältig, hämisch, überkritisch, herrschsüchtig und sinnlos brutal, das sind die Primärtugenden, die zusammengenommen Menschen vor allen anderen Spezies auszeichnen.
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Generell haben Gesetzein jeder Kultur ähnliche Grundzüge, weil sie praktisch immer etwas bestimmtes bewirken sollen (eine soziale Ordnung, ein friedliches Zusammenleben, Sicherung von Besitz und Machtverhältnissen usw.) und deswegen sind bestimmte Grundlagen immer gleich. In keiner (oder zumindets kaum einer) Kultur sind Diebstahl oder Mord ehrenwerte Aktivitäten.

Wir müssen also nicht einmal den freien Willen leugnen um der scheinbaren Willkür enge Grenzen aufzuzeigen.
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Xyrofl hat Folgendes geschrieben:
Wir sind hochgradig passiv wenn es um das "erstellen von Naturgesetzen" geht.

Nein, das sind wir nicht. Im Gegenteil. Wir sind hochgradig aktiv. Wir wenden unsere vorgegebenen Denksatrukturen auf die Beobachtungen an. Naturgesetze werden nicht gefunden sondern aufgestellt.

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In dem Sinne sind wir sehr aktiv, das stimmt. Aber ich glaube nicht, dass unsere Denkstrukturen, die zu den Theorien führen von der Natur vorgegeben sind. Wir sind so unglaublich flexibel in unserer frühen Entwicklung und wer in einer Welt aufgewachsen wäre, wo Konzepte wie Raum, Zeit oder Masse völlig irrelevant sind, würde die auch nicht als gottgegeben ansehen. Manche Kulturen kennen das Konzept der ganzen Zahlen nicht. Das spielt auch dann keine große Rolle wenn 2 große Stücken so viel sind wie 3 kleine. In primitivsten Kulturen sind also Gleichheiten verstanden worden, aber ganze Zahlen nicht. Das ist nicht angeboren. Außer man ist ein Rassist und sagt, einem Europäer ist die Mathematik angeboren, aber einem Schwarzen nicht. In der Philosophie gibt es ja keine Denkverbote, aber ich schätze darauf verzichten wir hier mal um nicht unmäßig zu werden.

Kant ist aus einer sehr frühen Epoche wo man noch viel mehr Aspekte des menschlichen Denkens als gottgegeben angesehen hat. Sowas wie Differance hat er nie kennen gelernt, damals dachte man, dass Begriffe eine sehr definitive Bedeutung haben, niemand hat zu Zeiten Kants Sprache dekonstruiert oder synthetische Sprachen entwickelt. Und damals dachte man auch, dass Logik fundamental wäre. Er kannte auch den Unvollständigkeitssatz nicht und mathematischer Konstruktivismus war ihm fremd.

Am beeindruckendsten sind in der Hinsicht die antiken griechischen Paradoxa, die sich teilweise ziemlich schnell auflösen wenn man Infenitesimalrechnung oder besser moderne Differenzialrechnung beherrscht. Niemand würde sagen, dass Unendlichkeiten dem Menschen unmittelbar einleuchten. Ganze Kulturen fanden das unvorstellbar, die sind nicht intrinsisch menschlich. Aber wurden sie erstmal erschlossen, löst sich das Paradoxon von Pfeil und Läufer auf. Der Punkt wo Zenons Pfeil den Läufer einholt ist nicht einmal eine behebbare Definitionslücke, er ist ein völlig regulärer Punkt der beiden Bahnkurven. Vorher war das ein so grandioser Widerspruch, dass die weisesten der Weisen darüber debattiert haben. Und das waren weiße Menschen mit vernunftgeprägtem, westlichem Denken, keine Urvölker wo man genetische Ursachen anführen könnte wenn man Rassist wäre.

Wir sind in der Lage, uns neue Denkmuster zu konstruieren und das tun wir adaptiv. Sicher macht uns das gewissermaßen aktiv, aber wir sind trotzdem nicht in der Lage die Realität zu formen. Im Gegenteil wir verbiegen unser Denken wie einen Dietrich um sie zu beschreiben.

Zitat:
Naturgesetze werden nicht gefunden sondern aufgestellt.

Würde ich eine Regressionsfunktion, d.h. ein mathematisches Modell finden wollen und hätte ich beliebig viel Rechenpower, dann wäre mein Vorgehen folgendes:

1. Stelle "alle" Formeln auf.
2. Finde diejenige Formel aus der in 1 generierten Menge, die am besten passt. (ausprobieren und vergleichen)
3. Gebe die gefundene Formel aus.

In Schritt 1 habe ich die Formel aufgestellt, in Schritt 2 habe ich sie gefunden. Was ich in 3 ausgebe unterscheidet sich von den unendlich vielen beliebig schlechten Formeln aus 1 dadurch, dass ich es nicht nur aufgestellt sondern auch bei einer Suche gefunden habe.

Sollten wir aneinander vorbei reden, sei mir nicht böse. Philosophie ist nunmal viel schwerer als Chemie. Besonders für mich
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Ich glaube, wir sind so weit nicht voneinander entfernt.

Mein Punkt ist, daß Naturgesetze nicht ausserhalb unserer menschlichen Kommunikation existieren. Deswegen sind sie Produkte unseres Geistes. Dass sie Naturvorgänge reproduzierbar abbilden und die Konsequenzen von Eingriffen ,die wir vornehmen (z.B. ein Experiment) vorhersagbar machen bedeutet nicht, daß sie vor unserer Formulierung existierten. Dein "Drei-Stufen-Modell" sagt dasselbe.

Kant hat Gott quasi abgeschafft (Heine hat mal gesagt, daß Lampe weinte, weil Kant Gott getötet hatte und dieser ihn deswegen dann doch noch über die Hintertür wieder eingeführt hat). Sein Ziel war es genau, Erkenntnis und Handeln (Ethik!) ohne religiöse Vorgaben zu begründen.

Was Paradoxa damit zu tun haben verstehe ich nicht - ich nehme an, das soll ein Beispiel dafür sein, daß wir Probleme die frühere Generationen fanden heute nicht mehr relevant finden. N.B. manche Paradoxa sind noch immer relevant - z.B. die Selbstreflexivität (alle Kreter Lügen, sagt der Kreter...). Und Logik ist heute doch noch fundamental! Unsere gesamte digitale Technologie basiert darauf.

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Zitat:
Mein Punkt ist, daß Naturgesetze nicht ausserhalb unserer menschlichen Kommunikation existieren.
Da stimme ich absolut zu. Formalismus ist Sprache.

Zitat:
Kant hat Gott quasi abgeschafft (Heine hat mal gesagt, daß Lampe weinte, weil Kant Gott getötet hatte und dieser ihn deswegen dann doch noch über die Hintertür wieder eingeführt hat).
Gottgegeben war metaphorisch gemeint im Sinne von fundamental, als stünde unsere Art zu denken und zu sprechen a priori fest. Kant hat lange vor Darwin, vor Derrida, vor de Broglie und vor Goedel gelebt. Nach ihm wurden noch viel mehr Dinge dekonstruiert, die er niemals angetastet hätte. Noch lange nach Kant ging man davon aus, dass Worte einer Sprache eine intrinsische Bedeutung haben und nicht einfach nur "von einander unterscheidbare, aber für sich bedeutungslose Zeichen" sind.

Zitat:
Und Logik ist heute doch noch fundamental! Unsere gesamte digitale Technologie basiert darauf.
Früher dachte man, Logik sei so fundamental, dass man mit genug Verstand von selbst alle mathematischen Sätze finden könnte und sich alles aus fundamentaler Logik ergeben würde. Heutzutage weiß man, dass das falsch ist. Widerspruchsfreie Formalismen brauchen immer Axiome und immer gibt es dann Fragen, die sie nicht beantworten können ohne neue Axiome hinzuzunehmen, man braucht also Verstand und Konventionen. Das macht boolsche Logik nicht irrelevant, aber eben nicht komplett fundamental. Sie ist nur ein mathematisches Spezialgebiet und nicht wie früher vermutet die Wurzel aller Mathematik aus der alles folgt.

Zitat:
ich nehme an, das soll ein Beispiel dafür sein, daß wir Probleme die frühere Generationen fanden heute nicht mehr relevant finden.
Es geht darum, dass frühere Kulturen sich auf manche Dinge keinen Reim machen konnten, weil ihre Art zu denken anders war. Für sie waren Dinge unvorstellbar, die heutzutage jeder in der Schule lernen soll. Weil ihnen der Formalismus fehlte.
Das zeigt, dass es uns 1. möglich ist, unsere Denkweise so anzupassen, dass wir Probleme lösen konnten, die vorher unerklärlich aussahen, als wären sie für einen menschlichen Verstand unfassbar und damit meine nicht nicht Dinge wie Flugzeuge oder Atombomben, die einfach so extrem stark und kompliziert sind, sondern extrem simple Sachverhalte, die prinzipbedingt unverständlich waren und es nun nicht mehr sind.
Und 2. zeigt es uns, dass es offensichtlich keine naheliegenden Neuerungen sind, die uns dazu bringen, etwas zu verstehen was vorher undenkbar schien, denn sowas passiert selten, obwohl ständig kreative Köpfe nach neuen Anschauungen suchen. Es ist also nicht so, dass wir wie geboren für umfassende, physikalische Theorien sind. Es ist ein quälend langsamer Prozess der letzten Endes darauf basiert, dass Menschen über lange Zeiträume extrem flexibel und adaptiv sind.

Zitat:
Deswegen sind sie Produkte unseres Geistes.
Das sind sie.

Zitat:
Dass sie Naturvorgänge reproduzierbar abbilden und die Konsequenzen von Eingriffen ,die wir vornehmen (z.B. ein Experiment) vorhersagbar machen bedeutet nicht, daß sie vor unserer Formulierung existierten.
Es wird sogar noch schlimmer. Es gibt durchaus Fälle, wo völlig verschiedene Formalismen praktisch identische Vorhersagen machen, unter Verwendung völlig unterschiedlich klingender Erklärungen, die aber letzten Endes mathematisch äquivalent sind. Allein das zeigt, dass Theorien nichts weiter sind als Konstrukte, die wir zur Hilfe nehmen um etwas zu beschreiben. So wie Sprache auch.
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Zitat:
als stünde unsere Art zu denken und zu sprechen a priori fest.

Ich bin mir nicht sicher ob Kant die Kategorien als für alle Zeit feststehende Art zu Denken und zu sprechen angesehen hat. Ausserdem weiß ich nicht ob es je eine Kultur gegeben hat, die die Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität nicht verwendet hat. Vielleicht gibt es ja sowas doch? Da müssten wir einen Fachmann fragen.

Zitat:
Widerspruchsfreie Formalismen brauchen immer Axiome und immer gibt es dann Fragen, die sie nicht beantworten können ohne neue Axiome hinzuzunehmen, man braucht also Verstand und Konventionen.

Kategorien könnte man auch mit Axiomen korrelieren: sie sind nicht begründbar, sondern müssen vorausgesetzt werden.

Die verschiedenen philosophischen Ansätze (hier erwähnt: Kant, Popper, Göedel) zeigen aber alle in eine Richtung: eine objektive Erkenntnis der Wirklichkeit (Kant hätte gesagt: des Dinges an sich) ist uns nicht möglich. Wir müssen immer etwas voraussetzen bevor wir die Wirklichkeit analysieren (sogar in der Mathematik: Gödel) und gelangen nie zu einer Letzterklärung (Popper).

Das sollte uns ein bisschen bescheidener werden lassen.

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eine objektive Erkenntnis der Wirklichkeit (Kant hätte gesagt: des Dinges an sich) ist uns nicht möglich.

Und trotzdem bleibt objektive Erkenntnis ein sehr sinnvoller Begriff, wir verwenden und verstehen ihn doch. Wir können aus dieser Feststellung kaum praktischen Schlüsse ziehen. Was wir widerlegt haben war von Anfang ein seltsames Konstrukt und nicht "objektive Erkenntnis" in dem Sinne wie man sie versteht wenn man von ihr gemeinhin spricht.

Wir haben nicht objektive Erkenntnis an sich widerlegt sondern nur eine naive Vorstellung davon dekonstruiert.

Zitat:
Kategorien könnte man auch mit Axiomen korrelieren: sie sind nicht begründbar, sondern müssen vorausgesetzt werden.
Das ist interessant. Sind Kategorien wirklich mit Axiomen vergleichbar? Können wir die gar nicht begründen? Wie haben wir uns die gebildet? Und stehen sie so fundamental fest wie Axiome?
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