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Die Einsamkeit des Amateurs
IllumiNobel-Gewinner 2012

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In einem Aufsatz aus dem Jahre 2004 über die Rolle des Hobbychemikers in der Literatur, mit dem bezeichnenden Titel "Die Einsamkeit des Amateurs", schreibt Otto Krätz

Amateure sind auf sich gestellt. Ihr besonderes Kennzeichen ist die Ferne zu ihrer Umgebung.

Er grenzt damit den Amateur-Chemiker von den anderen „Chemietreibenden“, wie er sie nennt , ab, die in Forschungslaboratorien oder der Industrie eine Position einnehmen in der sie sich im Austausch mit Kollegen oder Auftraggebern über ihre Arbeit befinden.

Die Beispiele aus der Literatur, die Krätz zitiert, zeigen den Amateur in seinem Privatlaboratorium meist als etwas verschrobenen Kauz, der ganz seiner Sache hingegeben ist. Die Gefährdung der Umgebung, sei es durch (unbeabsichtigte) Explosionen oder dadurch, daß das Laborieren im vergeblichen Versuch, Gold zu machen, die Familie des Amateurs ruiniert, kann ihm eine Aura des Unheimlichen verleihen, hält sich aber in bescheidenen Grenzen. Tatsache ist, daß der Hobbychemiker oder –alchemist ( es handelt sich praktisch ausnahmslos um Männer!) zwar keine bedrohlicher, aber doch ein leicht unheimlicher Zeitgenosse ist, der für seine Tätigkeit in der Regel auf wenig Applaus hoffen kann.

Manchmal ist die Einsamkeit auch gewollt. In der Kurzgeschichte „Un vestido rojo para bailar bolero“ der kolumbianischen Schriftstellerin Carmen Cecilia Suarez offenbart ein Mann seiner Frau – von der er im Begriff ist, sich zu trennen, weil sie zu verschieden sind – seine geheimen Fantasien:

Er dachte nach, lächelte dann und sagte:
- Ich wäre gerne ein Alchemist. In der Einsamkeit meines Laboratoriums das Wasser zu destillieren, siebenhundert Male, wie es Fulcanelli getan hat, um das Elixier des ewigen Lebens zu entdecken. Neulich habe ich in irgendeinem Büro eine Kopie eines Gemäldes aus dem Mittelalter gesehen, da saß ein Alchemist vor seinem Ofen und erhitze das göttliche Fluidum auf einem Dreifuß. Er hatte seine Augen von allem abgewandt, was um ihn herum war, und in ihnen war der Funken des Lebens, der Hoffnung. Seine Kleider waren nichts als Lumpen. Neben ihm stritten sich Mäuse und Katzen um ein Stückchen Käse. Im Hintergrund der Gehilfe, der den Blasebalg bedienen muss, mit einem Gesicht voller Abscheu und Unverständnis für das, was da vor sich ging. Die Unordnung überall stand in völligem Kontrast zu der Entrücktheit, der Klarheit und Sicherheit, die sich im Gesicht des Magiers spiegelte. Darüber, in einem Fensterchen, sah man den Geizhals, der nur auf den Stein der Weisen wartete, um sich darauf zu stürzen und reich zu werden. Ja, ich wäre glücklich, wenn ich ein Alchemist wäre, mich in meine Tätigkeit vergraben und die Welt vergessen könnte, aber dazu müsste ich alleine sein …
(kompletter Text)

Heute ist das natürlich anders. Das Internet gibt eine Gelegenheit zum Austausch, die, als diese Zeilen geschrieben wurden, so noch nicht absehbar war.

Dennoch finde ich das Thema interessant und würde euch gerne fragen, wie es euch damit geht? Seid ihr mit eurem Hobby allein im stillen Kämmerchen, oder teilt ihr es? Und mit wem?

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"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

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Zitat:
[...]zeigen den Amateur in seinem Privatlaboratorium meist als etwas verschrobenen Kauz, der ganz seiner Sache hingegeben ist. Die Gefährdung der Umgebung, sei es durch (unbeabsichtigte) Explosionen oder dadurch, daß das Laborieren im vergeblichen Versuch, Gold zu machen, die Familie des Amateurs ruiniert, kann ihm eine Aura des Unheimlichen verleihen, hält sich aber in bescheidenen Grenzen. Tatsache ist, daß der Hobbychemiker oder –alchemist ( es handelt sich praktisch ausnahmslos um Männer!) zwar keine bedrohlicher, aber doch ein leicht unheimlicher Zeitgenosse ist, der für seine Tätigkeit in der Regel auf wenig Applaus hoffen kann.

Terry Pratchett hat in einem seiner Scheibenweltromane das ganze, mit einem lachenden und einem weinendem Auge, in Bezug auf die Alchemistengilde in Ankh Morpork in einem Dialog zwischen Mitgliedern der Wache auf den Satz "Traue niemandem mit Chemikalienflecken an den Händen, sie sind nicht wie wir!", komprimiert.
Wir haben leider immer noch das gleiche Problem. Sobald das Hobby erwähnt wird heißt es Bombenbastler, Pyromane oder Drogenkoch. Letztlich also nicht weiter verwunderlich wenn viele von uns "im stillen Kämmerlein" vor sich hinköcheln.
Auch ich bastel lieber alleine vor mich hin. Das hat zum einen den Vorteil, dass man grade bei schwierigen Projekten konzentrierter ist und damit effektiver arbeitet zum anderen betrifft es nur einen selber wenn mal was daneben geht Wink Hinzu kommt noch die Tatsache, dass es nur recht wenige von uns gibt, sowie ein schon fast meditatives einfühlen können in die Aufgabe.

Zu deiner Aussage fällt mir z.B. Goodyear ein, der sich und seine Familie wohl regelrecht in Salpetersäure und Schwefeldämpfen gebeizt haben muss oder auch Alfred Nobel bei dessen Arbeiten mit Glyceroltrinitrat sich mehrfach Teile der umgebenden Architektur mit hoher Geschwindigkeit spontan voneinander entfernten.
Kein wunder also, dass der "Hobbyist" einen etwas seltsamen Ruf genießt. Wink von Braun, Liebig und Bosch waren in ihrer Anfangszeit auch nicht grade Waisenknaben. Die Liste ließe sich wahrscheinlich noch deutlich verlängern.
Das Fazit zum Kernproblem wird allerdings immer lauten müssen, dass in erster Linie Unwissenheit Angst verursacht.
Wir stehen z.B. staunend im Zirkus und fragen uns wie jemand ein Rudel Löwen unter Kontrolle behält. Für den Dompteur ist dies jedoch Alltag und nicht besonders geheimnisvoll. Ein Dompteur wiederum wäre in einem Labor bei der einfachen Aufgabe Elemente von Verbindungen zu unterscheiden vermutlich genauso verloren wie wir in einem Löwenkäfig bei dem Versuch die Tiere dazu zu bringen sich zu setzen.
Beides geht halt nur mit jahrelang erworbenen Wissen und beherrschen der zugehörigen, "handwerklichen" Fähigkeiten.
Wir betreiben nunmal ein Hobby welches recht ausgefallen ist. Viele Menschen belächeln z.B. Philatelisten oder Numismatiker bei uns fällt das "Lächeln" hingegen eher so aus wie man einen "Wahnsinnigen" mit einer Kettensäge anlächelt während man drei Schritte zurückweicht um sich den Rücken freizuhalten.

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"...wie ein Sprecher betont,hat für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden."
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"...mittlerweile rostet das Miststück..." E.v. Däniken
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