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"Das wilde Leben der Elemente" von Hugh Aldersey-W
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So unbeliebt die Chemie im Allgemeinen zu sein scheint – es gibt an ihr etwas, das auch bei den Laien Interesse hervorzurufen scheint und das sind die Chemischen Elemente. Nach den vielfachen populärwissenschaftlichen Darstellungen zu schließen, die in den letzten Jahren erschienen sind, genießt vor allem das Periodische System eine Bewunderung, ja Verehrung, die es zu einer Art Kultobjekt hat werden lassen.

In seinem Buch, dessen Titel mit „Das wilde Leben der Elemente“ aus dem Englischen eher schlecht als recht übersetzt ist, sagt der britische Kurator Hugh Aldersey-Williams: „ Mendelejews System schien ein Eigenleben zu führen. Für mich war es eines der großen und unbezweifelbaren Systeme der Welt … Seine Macht als Ikone erkannte ich an, doch begann ich mich auf meine zögerliche Art zu fragen, was es eigentlich bedeutete.„ Als er als Schüler im Londoner Science Museum auf ein Periodensystem trifft, in den jedes Element stofflich in einer Probe veranschaulicht ist „… war klar: Ich musste mir eine eigene Sammlung zulegen“. Eine Leidenschaft, die er mit vielen Hobbychemikern teilt: „Ich war dabei die Bausteine der Welt, des ganzen Universums zusammenszustellen … Diese Sammlung hatte etwas fundamentales. Die Elemente waren ewig. Sie waren gleich nach dem Urknall entstanden und würden noch da sein, wenn die Menschheit längst untergegangen sein würde“.

Aber kurz darauf fällt ihm etwas anderes auf. „Dunkel begann ich zu ahnen, daß die Elemente etwas erzählen, nämlich Geschichten mit einem kulturellen Hintergrund“. Und davon handelt das hier vorgestellte Buch. Auf 422 Seiten erzählt der Autor Geschichten, die sich um die Elemente ranken. Es handelt sich, wie er selbst die Zielsetzung beschreibt, nicht um ein „Chemiebuch“ sondern um „ein Buch von Geschichten“. In seinem Buch sortiert Hugh-Williams die Elemente neu. Er gruppiert sie um 5 Überbegriffe, die zunächst scheinbar gar nichts miteinander zu tun zu haben: Macht, Handwerk, Feuer, Schönheit und Erde. Unter jedes Überthema subsummiert er mehrere Elemente. Natürlich findet sich das Gold unter dem Titel „Macht“ und Phosphor und Schwefel werden unter „Feuer“ abgehandelt. Dem Autor gelingen wunderbar zwanglose Darstellungen, etwa wenn er den Bogen von der Strassenlampen, die mit Natriumdampf arbeiten, über die Alkalimetalle zur Feuerwerkerei spannt und ein Treffen mit Ronald Lancaster (falls nicht bekannt: Autor „des“ Standardwerks über Feuerwerkskörper in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) beschreibt, der englischer Pastor und Chef der letzten traditionellen Fabrik von Feuerwerkskörpern in England ist. Einmal spürt er den symbolischen Bedeutungen der Elemente nach, etwa wenn er das spiegelnde Silber mit dem schweren, stumpfgrauen Blei vergleicht. Ein anderes Mal geht er in historische und technische Details, zum Beispiel bei der Verlegung des ersten - aus Kupfer bestehenden - transatlantischen Kabels, das Nachrichtenübermittlung zwischen Europa und Amerika revolutionierte und beim ersten Anlauf nicht funktionierte, weil es aus ökonomischen Gründen und trotz der Warnungen des Physikers William Thomson (später Lord Kelvin) viel zu dünn ausgelegt worden war. Neon fällt unter das Kapitel „Schönheit“ und von der Faszination, die die bunten „Neonröhren“ in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im wahrsten Sinne des Wortes „ausstrahlten“ kommt Hugh-Williams zu Ramsay und der Entdeckung des Edelgase. Auch Cadmium und Chrom werden um das Thema „Schönheit“ gruppiert, überraschenderweise - und für den, der Kriminalgeschichten liebt, enttäuschend - auch das Arsen, wegen seinen lange als Farben gebrauchten Kupfersalzen , Scheeles und Schweinfurter Grün. Manchmal sind die Erzählungen sehr abstrakt und fast eintönig, so wenn der Autor zum Zink wirklich nur Architektonisches referiert. Manchmal sind sie sehr lebendig und persönlich. Hugh-Williams reiste eigens nach Schweden um in Ytterby jene stillgelegte Erzgrube aufzusuchen, in der allein sieben Elemente - seltene Erden - entdeckt worden waren, so viele wie an sonst keinem anderen Ort der Welt, und rekonstruiert die faszinierende Geschichte der „Jagd nach den Elementen“ im 19 Jahrhundert.

So ist ein Buch entstanden, das keinem festen chemisch-physikalischen oder historischem Duktus folgend die Rolle der Elemente in unserer Kultur und ihre Geschichte in oft wenig bekannten aber dafür umso interessanteren Aspekten beleuchtet. Es ist kein Buch um daraus etwas über Chemie zu lernen. Aber es ist eine wunderbare Lektüre für den Naturwissenschaftler, der die Brücke zur Kulturgeschichte schlagen möchte. Und einfach zum Schmökern. Der englische Titel lautet übrigens, unvergleichlich viel poetischer und treffender als der deutsche: „Periodic tales- The curious life of Elements“. Der Titel erinnert an E.A.Poes „Tales of Mystery and Imagination“. Wenn ich es nicht schon gelesen hätte - es wäre kein schlechtes Weihnachtsgeschenk.

Hugh Aldersey-Williams: Das wilde Leben der Elemente – Eine Kulturgeschichte der Chemie; Carl Hanser Verlag 2011; ISBN 978-3-446-42686-3; 458 Seiten, gebunden; Preis 24,90 €

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Illumina-Moderator

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Danke für die lebhafte Inhaltsangabe. Sollte ich einen Büchergutschein zu Weihnachten bekommen ist er da sehr gut angelegt Wink

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