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"Auf der Suche nach dem Stein der Weisen" (H-W. Sc
IllumiNobel-Gewinner 2012

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Dieses Buch ist nicht ganz leicht zu lesen. Der Autor, Hans Werner Schütt, ist Chemiker und Wissenschaftshistoriker. Das merkt man seinem Stil an. Und der hebt sich wohltuend von den zahlreichen populärwissenschaftlichen Publikationen vor allem amerikanischer Autoren ab, die in den letzten Jahren erschienen sind.

Auf rund 550 Seiten beschreibt Hans Werner Schütt die Entwicklung der Alchemie in ihren geistesgeschichtlichen und konkret-praktischen Aspekten, eingebettet in die kulturellen, religiösen und politischen Gegebenheiten der jeweiligen Epoche. Der Bogen spannt sich von den ersten fassbaren Anfängen bis zum allmählichen Verschwinden der Alchemie im 18 Jahrhundert. Man merkt dem Autor an, daß er sich ausführlich in die Materie eingearbeitet hat und seine Darstellungen aus eigener Lektüre der Quellentexte macht. Und wo er die Quellen nicht kennt und Informationenaus zweiter Hand verarbeitet schreibt er dies auch. Das macht den Text trocken für sensationshungrige Konsumenten und respektabel für diejenigen, die an der Geschichte interessiert sind. Ein weiteres Plus dieses Buches: es vermeidet den blinden Modernismus, der unsere heutige naturwissenschaftliche Sicht der Welt zum Richtschwert der Geschichte macht und versucht statt dessen, das Weltbild vergangener Epochen zu rekonstruieren und in seinem Sinnzusammenhang zu verstehen. Der „Stein der Weisen“ hat realiter in unserem heutigen Sinne nie existiert. Aber er hat als kulturelle Wahrheit, an der über tausend Jahre lang kein Zweifel bestand, die Geschichte beeinflusst und mit zu der Welt geführt, in der wir heute leben.

Zwei Beispiele mögen als Kontrast zu Schütts Buch dienen. Sam Kean stellt in „Die Ordnung der Dinge“ das Periodensystem der Elemente in einer Mischung aus Sensationsbericht und pop-art-Kunstwerk vor, das vollendet wird, indem ebenso geniale wie skurrile Forscher im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer neue Transurane erzeugen. Und Paul Strathern blickt in „Mendelejews Traum“etwas kopfschüttelnd auf die zweitausendjährige Gesichte der Chemie zurück um die Entdeckung der „richtigen“ Elemente und schließlich die Aufstellung des Periodensystems als die endgültige Befreiung von Unwissen und falscher Naturbetrachtung zu feiern. Von historisch-kritischem Bewusstsein ist in diesen leichtfüßig daherkommenden Werken wenig zu spüren. Und der selbstkritische Gedanke, unsere heutige wissenschaftliche Theorie könnte vielleicht nicht die allerletzte sein, oder auch die Frage danach, welchen Wertvorstellungen sie verpflichtet ist, kommt erst gar nicht vor. Natürlich enthalten beide, obwohl sie sich so sachlich und modern präsentieren, einen erheblichen Teil an Mythologie, nur wird er nicht als solcher deklariert. In „Medelejews Traum“ zeigt das schon der Titel. Ausführlich „rekonstruiert“ der Autor eine "historische" Situation, in der einem einsamen Suchenden (Mendelejew) in einem kritischen Moment (er muss in eine wartende Kutsche steigen, aber vorher noch schnell dieses Problem der Periodizität lösen, das ihn einfach nicht loslässt) eine Erleuchtung kommt. Eine „Sternstunde der Menschheit“ von quasi-religiöser Erhabenheit. Und Kean belächelt das alte Europa, wo man gar „schief angeschaut wird wenn man Goethe nicht kennt“ und feiert „the american way“ – natürlich ebenfalls nicht explizit.

Demgegenüber ist „Die Suche nach dem Stein der Weisen“ trotz des romanhaft klingenden Titels ein eher nüchternes Buch. Manche Passagen sind geradezu langatmig. So stellt Schütt auf über 13 Seiten ausführlich die Bedeutung des Bildes in der Alchemie dar. Aber an anderen Stellen gelingt ihm eine Darstellung von historischer Präsenz, in der man sich geradezu versetzt fühlt in die Zeit über die er schreibt. So in der Darstellung eines Alexandrinischen oder eines mittelalterlichen Laboratoriums.

Auch politische Bezüge kommen nicht zu kurz. Und da wird die Sache dann doch spannend. Der Autor erzählt, wie die Alchemie in entscheidenden historischen Moneten eine Rolle spielte. Schütt zitiert den Bericht des Umara ibn Hamza, seines Zeichens Gesandter des Kalifen al-Mansur von Bagdad, der den oströmischen Kaiser Konstatin V. Kopronymos besuchte. Dieser führte dem beeindruckten Gesandten die Transmutation von Blei in Silber und von Kupfer in Gold vor, indem er die Metalle mit einem geheimnisvollen Pulver schmelzen ließ, von dem er in einem speziell abgesicherten Teil seiner Festung Säcke voll aufbewahrte. Umara berichtete seinem Herrn, dem Kalifen, von dieser Begebenheit, und der zog daraus zwei Schlussfolgerungen. Erstens, daß er das Studium der Alchemie in seinem Reiche unbedingt fördern müsse und zweitens, daß er besser davon absah, seinen Expansionsdrang auf das oströmische Reich auszudehnen. Denn „zum Kriegführen braucht man vor allem drei Dinge : Geld , Geld und Geld“ und das stand dem Herrscher von Konstantinopel dank der Alchemie offensichtlich unbegrenzt zur Verfügung.

Wo Schütt es sich erlaubt – immer explizit – fehlende Quellen durch bildhafte historische Rekonstruktion zu ergänzen, gelingen ihm Passagen, die mitreißend und spannend sind, beispielsweise bei der Beschreibung des berühmten Alchemisten Nikolas Flamel - einer historisch verbürgten Figur übrigens - der im 14. Jahrhundert zu Reichtum gelangte und viele Stiftungen tätigte, indem er mit Hilfe eines geheimnisvollen Buches den Stein der Weisen gefunden haben soll.

Und manchmal steht er auf vom Schreibtisch des Historikers und wagt eine Betrachtung der conditio humana von zeitloser Gültigkeit und nicht ohne poetische Qualität:

“Die alchemistischen Geschichten interessieren uns nicht, weil sie uns verraten, wie man den Stein der Weisen herstellt, sie interessieren uns auch nicht, weil wir in ihnen faktische Wahrheiten hinzulernen könnten, sie interessieren uns letztendlich deshalb, weil sie so schön exotisch sind und weil das Fremde, Exotische alchemischer Erzählungen uns etwas über den Menschen schlechthin lehrt, uns lehrt, daß der Mensch mit seinem denken und fühlen einerseits kulturabhängig ist, andererseits aber in jeder Kultur ein Wesen ist, das von der Hoffnung lebt, von Hoffnung auf Erlösung, auf Befreiung, sei es Befreiung von materieller Not, von körperlichem Leiden und vom Tode, sei es Befreiung von der bedrückenden Entfremdung von einer Natur, die unser Geist nicht wirklich fassen kann. Das ist die Weisheit des Steins der Weisen.“ (loc. cit. S 348)

Dieses Buch ist nicht leicht zu lesen. Es ist keine vorverdaute, bunt bebilderte und ebene Darstellung. Wer sich aber für Alchemie interessiert und sie in ihrer historischen und kulturellen Einbettung verstehen möchte, wer Details zur Symbolik und den vielfältigen philosophischen Bezügen kennenlernen möchte und wer keine Angst vor langen Sätzen hat, wird Schütts Buch mit Gewinn lesen. Wahrscheinlich sogar mehrmals.

Schütt, Hans Werner: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen – Die Geschichte der Alchemie
C.H.Beck 2000; ISBN 3-406-46638-9

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"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Aber nicht einfacher."(A. Einstein 1871-1955)

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht!" (G.C. Lichtenberg, 1742 - 1799)

"Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie gesehen haben." (Alexander v. Humboldt, 1769 - 1859)
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Lieber lemmi,

recht vielen Dank für die ausführliche Beschreibung dieses Buches, das mir schon eine Weile durch den Kopf geht, seit ich im Sommer es auf dem Flohmarkt an der Museumsinsel das erste Mal sah und anlas....

EDIT: 18.Dezember 2013 23:30:

Heute verbrachte ich einen super guten Tag in der Therme von Bad bis den Abend rein. In einen Anfall von bester Laune habe ich das Buch gerade als "mein" Weihnachtsgeschenk im sehr guten gebrauchten Zustand für einen guten Preis bestellt...

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"Der einfachste Versuch, den man selbst gemacht hat, ist besser als der schönste, den man nur sieht." (Michael Faraday 1791-1867)

Alles ist Chemie, sofern man es nur "probiret". (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

„Dosis sola facit venenum.“ (Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus 1493-1541)

"Wenn man es nur versucht, so geht´s; das heißt mitunter, doch nicht stets." (Wilhelm Busch 1832 -1908)
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