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Analyse von SEPSO-Tinktur
IllumiNobel-Gewinner 2012

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Kürzlich schenkte mir eine Kollegin ein kleines Fläschchen mit der Bemerkung: „Du magst doch sowas!“ Es handelte sich um eine sechseckige Glasflasche mit einem kleinen, schwarzen Drehverschluss aus Bakelit. Auf dem Ettikett stand „SEPSO Tinktur … Jodfrei!... “



Die Flüssigkeit ist von dunkelbrauner Farbe und riecht nach Alkohol mit einer deutlich phenolischen Note. Das Etikett trägt kein Herstellungs- oder Verfallsdatum. Da der Preis jedoch noch in RM ausgezeichnet war, muss sie vor der Währungsreform 1949 hergestellt worden sein. Historisch interessant ist auch die Aussage „aus einheimischen Stoffen hergestellt“, die offenbar damals als ein Qualitätsmerkmal angesehen wurde.

Natürlich wollte ich herauskommen, was der Wirkstoff der „SEPSO“-Tinktur ist. Schon das war ein Denkfehler, der die historischen Hintergründe außer Acht ließ! Aber davon später.

Beim Mischen der Tinktur mit Wasser tritt eine bräunlichweiße Trübung auf. Nach Zugabe von Natronlauge entsteht eine fast klare, braunrote Flüssigkeit. Gibt man einige Tropfen davon zu einer stark verdünnten Eisen-II-chlorid-Lösung, so entsteht eine tief braunviolette Färbung, was meinen Verdacht, es müsse ein Phenolderivat vorliegen, erhärtete.



Sepso-Tinktur ist brennbar, die Flamme ist blaßblau. Nachdem etwa die Hälfte der Flüssigkeit verbrannt ist, geht die Flamme aus.



Da ich das Vorliegen von Ethanol vermutete, habe ich 2 ml der Tinktur in einer kleinen Apparatur destilliert.



Die Hälfte des Destillates wurde mit 3 ml Wasser verdünnt, 1 ml 1N Natronlauge und 1 ml Lugol´sche Lösung (1% Iod) zugefügt. Sofort trat eine gelbweiße Trübung und der Geruch nach Iodoform auf.



Die andere Hälfte habe ich mit einem Tropfen Schwefelsäure und einer Spatelspitze Borax versetzt und angezündet. Die Flamme war deutlich grün gefärbt.



Ich schloss auf das Vorleigen von Ethanol (Methanol gibt nicht die Iodoformreaktion und Isopropanol hätte nicht so eine deutliche Borsäureflamme gegeben).

Dann habe ich den Destillationsrückstand auf dem Wasserbad eingedampft und eine braunweiße kristallinische Kruste erhalten. Damit und einem halb-linsengroßen Stückchen Natrium habe ich einen Lassaigne-Aufschluss gemacht, das Reaktionsprodukt in 8 ml Wasser gelöst und auf drei Reagenzgläser verteilt. Rechts habe ich mit HNO3 angesäuert und etwas Silbernitrat zugefügt (weißgrauer Neiderschlag, löslich in Ammoniak). In der Mitte wurde FeSO4 zugegeben und mit HCl angesäuert (keine Blaufärbung). Bis dahin alles o.k., es musste ein Halogen, sicherlich Chlor, vorhanden sein und Stickstoff konnte ich nicht nachweisen. Aber die Probe mit Nitroprussidnatrium (im linken Glas) gab eine Violettfärbung, was auf das Vorhandensein von Schwefel hinwies. Jetzt wurde es schwierig! Ein schwefelhaltiges, halogeniertes Phenolderivat?



Ich beschloss, das zu tun, was ich mir bislang verkniffen hatte, nämlich im Internet zu recherchieren. Bei den Lingner-Werken Dresden aus der DDR-Zeit wurde ich fündig. Auf der dort abgebildeten SEPSO-Flasche fand sich eine Zusammensetzung auf dem Etikett angegeben:

Aluminiumchlorid 10,0 g, Eisenchlorid 1,2 g, Ammoniumrhodanid 1,75 g, Salicylsäure 2,8 g, Campher 0,5 g, Ethanol 48,2 g in 100 g.“

Das war mein Denkfehler gewesen! Ich war von „modernen“ Verhältnissen ausgegangen und hatte angenommen, es sei ein Wirkstoff vorhanden, wo es sich in Wirklichkeit – und eben für die damalige Pharmazie typisch - um ein zusammengesetztes Präparat handelte. Also machte ich mich daran, die Inhaltsstoffe zu identifizieren.

Um Eisen und Thiocyanat nachzuweisen säuerte ich etwas SEPSO mit Salzsäure an, worauf eine starke Trübung auftrat und schüttelte mit etwas Dichlormethan aus um Organische Stoffe (Salicylsäure und Campher) zu entfernen. Die wässrige Phase war nach Filtration klar und leicht gelb gefärbt. Auf Zugabe von Kaliumhexacyanoferrat-II-Lösung entstand eine Blaufärbung. Nach Zusatz eines Tropfens konzentrierter Eisen-III-chlorid-lösung (33%) färbte sich die Flüssigkeit tief blutrot.



Der in der Lassaigne-Probe nachgewiesene Schwefel stammte also aus dem Thiocyanat. Wieso ich den Stickstoff nicht gefunden hatte weiß ich nicht – vielleicht war die Natrium-Menge zu gering gewesen?

Auch das Ammoniumion war leicht nachzuweisen. Im geschlossenen Gefäß färbt sich der Indikatorpapierstreifen über der Mischung aus SEPSO und Natronlauge nach kurzer Zeit blau (außerdem riecht man den Ammoniak):



Um das Aluminium dingfest zu machen musste ich etwas mehr Aufwand treiben. Erneut dampfte ich 1 ml der Tinktur ein, erhitzte diesmal aber über offener Flamme bis zum Verkohlen der organischen Substanz (Anfangs wurden auch weiße Nebel gebildet, die eindeutig nach HCl rochen). Schließlich erhielt ich ein graubraunes sehr lockeres, staubfeines Pulver.



An einem Magnesiastäbchen schmolz ich vor dem Lötrohr etwas Natriumcarbonat an, wälzte in dem graubraunen Pulver und glühte nach Zusatz eines Tröpfchens verdünnter Kobaltnitratlösung durch. Die Bildung von Thenard´s Blau bewies die Anwesenheit von Aluminium:



Den Rest des Pulvers habe ich mit 1 ml Natronlauge erhitzt, mit Wasser verdünnt und filtriert. In der klaren gelblichen Lösung (links) bildet sich auf tropfenweise Zusatz von Salzsäure ein voluminöser, gallertartiger Niederschlag (Mitte), der sich auf weiteren Zusatz von HCl wieder vollständig löst (rechts). Auch dieser Befund passt gut zur Anwesenheit von Aluminium.



Die Färbung mit FeCl3 passte schon gut zum Vorliegen von Salicylsäure. Um diese zu identifizieren, habe ich eine Dünnschichtchromatographie gemacht. Als Laufmittel diente eine Mischung aus 9 ml Dichlormethan, 0,5 ml Ameisensäure und 0,5 ml Aceton. Zum Vergleich habe ich 1 Spatelspitze Salicylsäure in 2 ml Methanol gelöst aufgetragen (jeweils 5 µl). Nach dem Trocknen habe ich mit einer 1%igen Eisen-III-chlorid-lösung besprüht:



Die Salicylsäure befindet sich in der Mitte der Laufstrecke. Daneben muss mein SEPSO aber noch mindestens zwei weitere Stoffe enthalten, die mit FeCl3 violettblaue Färbungen ergeben – möglicherweise Zersetzungsprodukte durch die lange Lagerung, z.B. Phenol.

Nicht gelungen ist mir der Nachweis des Camphers. Ich wollte ihn auch mittels DC führen, mit einer Lösung von Campher in Methanol als Referenz und reinem Dichlormethan als Laufmittel. Aber unter der UV-Lampe ließ sich weder bei 254 nm noch bei 365 nm etwas erkennen (die linke Folie ist die mit der Salicylsäure-Referenz, die rechte diejenige mit Campher) Campher macht offenbar keine Fluoreszenzlöschung und fluoresziert auch selbst nicht.



Es wird zwar ein Sprühreagenzn für die visuelle Detektion von Campher angegeben, das mir aber zu abenteuerlich war: Phosphormolybdänsäure gefolgt von Kaliumpermanganat in konzentrierter Schwefelsäure auf die 100°C heiße Folie aufzusprühen!
Zuletzt habe ich etwas SEPSO mit Natronlauge gemischt (um Salicylsäure und Phenole als Anionen zu binden) und mit Dichlormethan ausgeschüttelt. Nach dem Verdunsten des Lösungsmittels blieb ein leichter graubrauner Film zurück, der stechend-phenolisch, jedenfalls nicht nach Campher, roch. Da ich auch keine Farbreaktion zur Identifizierung von Kampfer gefunden habe, musste dieser Teil der Analyse unvollendet bleiben.

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Versuch den Campher doch in der Iodkammer nachzuweisen. Allerdings kann ich mir auch gut vorstellen, dass dieser, je nach alter der Flasche, durch Phenol ersetzt wurde da Campher in der Rüstungsindustrie Verwendung fand und daher u.U. nicht verfügbar war.

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Hallo @lemmi,

da haste ja ein spannendes Objekt zum Spielen gehabt!

Oft wurde Campher auch durch Ester des Menthols ersetzt.

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Zitat:
Oft wurde Campher auch durch Ester des Menthols ersetzt.
Das erklärt allerdings nicht den phenolischen Geruch. Tippe da wie gesagt auf Phenol an sich.

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Schicke Sache Smile

Es wäre vielleicht noch zu empfehlen - falls durch diesen Bericht jemand auf die Idee kommt eine (organische) Analyse zu machen - vor einem Lassaigne-Aufschluss eine Beilsteinprobe zu machen. Spielt bei winzige Mengen nicht wirklich Rolle, aber ist zum einen sicherer und man hat gleich ein Indiz - auch wenn es bei Stoffgemischen wie hier eventuell verwirren könnte, wenn man nicht weiß was man sucht. Anorganisch, Organisch, Gemischt, Wirkstofflösung ohne Zusätze,...

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NI2 hat Folgendes geschrieben:
Schicke Sache Smile
Es wäre vielleicht noch zu empfehlen - falls durch diesen Bericht jemand auf die Idee kommt eine (organische) Analyse zu machen - vor einem Lassaigne-Aufschluss eine Beilsteinprobe zu machen. Spielt bei winzige Mengen nicht wirklich Rolle, aber ist zum einen sicherer und man hat gleich ein Indiz - auch wenn es bei Stoffgemischen wie hier eventuell verwirren könnte, wenn man nicht weiß was man sucht. Anorganisch, Organisch, Gemischt, Wirkstofflösung ohne Zusätze,...


Ach so, den Beilstein habe ich ja ganz vergessen! Den hatte ich auch gemacht und der war positiv. Aber die grüne Flammenfärbung hielt immer nur so kurz an, daß ich sie nicht fotogrefieren konnte.

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NI2
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Okay! Sollte man vielleicht dennoch erwähnen, bevor jemand einen Lassaigne mit Trichloressigsäure oder der gleichen macht Mr. Green

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Zitat:
Lassaigne mit Trichloressigsäure oder der gleichen macht Mr. Green
...naja die Finger oder andere Körperteile würden dann u.U. eher nach Lasagne(gelbbraune Kruste, weisse, und rote Soße mit Hackfleisch...) als nach Lassaigne aussehen. Das Ergebnis wäre also trotz Namensähnlichkeit recht gut differenzierbar....

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